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Reparatur Initiativen

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Ob Reparaturtreff, Elektronikhospital, Café Kaputt oder Repair Café: Reparatur-Initiativen stiften durch alle Einkommens- und Bildungsschichten, Altersstufen und Milieus hindurch immer mehr Menschen zu umweltfreundlichem zivilen Ungehorsam an. Eine neue Form sozial-ökologischer, zivilgesellschaftlicher Bewegung legt praktisch Hand an Konsum- und Wegwerfpraxen und schraubt am Verständnis dessen, was wir als VerbraucherInnen können, sollen und dürfen.

Reparatur-Initiativen organisieren Veranstaltungen, bei denen defekte Alltagsgegenstände in angenehmer Atmosphäre gemeinschaftlich repariert werden. Menschen mit kaputten Dingen und wenig Reparatur-Know-how treffen auf solche, die reparieren können: elektrische und mechanische Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, aber auch Textilien, Fahrräder, Spielzeuge und andere Dinge. Repair-Treffen sind nicht-kommerzielle Veranstaltungen mit dem Ziel, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgütern zu verlängern und dadurch Müll zu vermeiden, Ressourcen zu sparen und Obsoleszenzstrategien ganz praktisch ein Schnippchen zu schlagen.

Außerdem sind diese Events eine neue Form produktiver Vergemeinschaftung, denn über das gemeinsame Tätigsein entstehen Bekannt- und Freundschaften, werden Ideen ausgetauscht und Netzwerke gebildet. Reparatur-Interessierte und Tüftlerinnen tauschen Erfahrungen, Wissen und Fertigkeiten aus und verbringen eine gute Zeit miteinander. Daher sind Kaffee und Kuchen ebenso wichtiger Bestandteil wie Schraubenzieher und Lötkolben.

 

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Als Alltagspraxis ist Reparieren nicht neu. Neu ist, dass sich Menschen in Reparatur-Treffs, Repair Cafés und anderen Reparatur-Initiativen zusammenschließen, um gemeinsam dem schnellen und geplanten Verschleiß (Obsoleszenz) entgegenzutreten. Neu ist, dass sie in kritischer Absicht reparieren und ihr Tun explizit als nachhaltige Praxis verstehen.

Die anstiftung fördert und erforscht die Reparatur-Initiativen als Teil der aktuellen Do-it-yourself-Bewegungen, die in der Stadt – und inzwischen auch auf dem Land oder in kleineren Gemeinden – zunehmend zahlreich auftreten (vgl. Baier/Müller/Werner 2013: Stadt der Commonisten).
In der ein oder anderen Weise sind die neuen Formen des Do it yourself und des Do it together Ausdruck für die gesellschaftlichen Krisen, die in den westlichen Konsum- und Wohlstandsgesellschaften virulent werden. Repair Cafés problematisieren dabei insbesondere die sinnentleerte Produktion immer neuer Dinge und Geräte. Reparieren steht hier für die bewusste Abkehr von einer Kultur, in der Produkte, noch kaum in Gebrauch genommen, schon durch die nächste neue Produktgeneration entwertet sind. Durch den Einblick in die Geräte wollen die Akteure außerdem die Abhängigkeit von Experten reduzieren und selber wieder wissen, wie die Dinge funktionieren. Ihr Motto lautet: „If you can`t open it, you don’t own it”.

Nachdem Reparieren längere Zeit aus der Mode gekommen schien und nur privat und in einigen Offenen Werkstätten (www.offene-werkstaetten.org) überwinterte, erleben Repair Cafés momentan einen regelrechten Boom. Das liegt nicht nur am wachsenden Unbehagen an der Wegwerfkultur, vielmehr sind Repair Cafés auch für sich genommen attraktive Räume. Hier kann nach Herzenslust gefachsimpelt und getüftelt werden. Hier wird Wissen zusammengetragen und weitergegeben. Das macht Spaß und kompetent. Zudem treffen Gleichgesinnte aus verschiedenen Milieus und mit unterschiedlichsten Talenten aufeinander - kaputte Dinge sammeln sich schließlich in jedem Haushalt. Beim gemeinschaftlichen Reparieren verlieren Alters- und soziale Grenzen an Bedeutung. Manches Repair Café ist deshalb inzwischen zum Nachbarschafts- oder Szenetreff avanciert oder hat vorhandene Begegnungsstätten neu belebt.
Do it yourself und do it together ermöglichen es den Beteiligten, die Dinge – und eben auch die Verhältnisse – in die eigene Hand zu nehmen. Die ProtagonistInnen teilen Wissen, handwerkliches Können, Werkzeuge und soziale Netzwerke, um sich nach ihrer eigenen Vorstellung – und in einem sozialen Zusammenhang – zumindest mit einigen Gütern und Dienstleistungen selbst zu versorgen, gängige Konsummuster und Wohlstandsvorstellungen herauszufordern und darüber ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen.
In diesem Sinne ist die neue urbane Kultur des Selbermachens eine Subsistenzkultur. Der sorgsame Umgang mit Ressourcen, Praktiken zur Wiederaneignung der eigenen wie kollektiven Reproduktion und die Schaffung von Beziehungsnetzen, all das erscheint angesichts ökologischer Katastrophen, ökonomischer Unwägbarkeiten und wachsender Individualisierung zunehmend dringlich, um gesellschaftliche Resilienz zu erhalten. Die Frage nach dem „guten Leben“, ein anderer Umgang mit der Natur stehen auf der Tagesordnung, und deshalb ist es folgerichtig, wenn in den Räumen des Do it yourself, ob in Gärten, in offenen Werkstätten oder eben in Repair Cafés, nicht nur Subsistenzpraktiken, sondern auch Subsistenzlogiken hoch im Kurs stehen, dass die Protagonisten statt auf die (kapitalistische) Logik der Konkurrenz auf die Subsistenzlogik der Kooperation setzen, dass sie Wissen teilen (statt monopolisieren), dass sie der industriellen Tendenz, Müll und Verschleiß zu fabrizieren, das (Subsistenz-)Prinzip entgegenstellen, den Dingen durch Reparatur und Upcycling ein längeres Leben zu ermöglichen.

Ob dies dazu führt, auch insgesamt einen nachhaltigeren Lebensstil bzw. einen anderen Begriff von Wohlstand zu entwickeln, ist zwar noch nicht ausgemacht. Aber wer weiß, dass er oder sie beschädigte Dinge reparieren kann, entwickelt ein anderes Verhältnis zu ihnen. Und ist damit womöglich schon ein Protagonist der „Großen Transformation“.

 

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Am 7. Oktober 2015 wurde in Berlin der »Runde Tisch Reparatur« gegründet. Hier sitzen VertreterInnen von Umweltverbänden, aus der reparierenden Wirtschaft, Verbraucherschutzorganisationen, Wissenschaft und Reparatur-Initiativen zusammen, um sich für das Recht auf Reparatur, die Senkung des Ressourcenverbrauchs und eine lokale Wirtschaftsförderung zu engagieren.

Ina Hemmelmann: Frau Sydow, brauchen wir eine Reparatur-Revolution – und wenn ja, wie könnte diese aussehen?
Johanna Sydow: Ein klares Ja. Alleine schon Mensch und Umwelt zuliebe muss Reparatur wieder an Bedeutung gewinnen. Es ist wichtig, dass wir beispielsweise Elektrogeräte reparieren und dadurch möglichst lange nutzen, denn der größte Rohstoff- und Energieverbrauch entsteht bei der Produktion. Der Rohstoffabbau schädigt die Umwelt irreversibel, Trinkwasser wird verseucht, Böden werden verschmutzt, Menschen verlieren ihr Land oder müssen umgesiedelt werden. Deshalb brauchen wir ein Umdenken in Politik und Gesellschaft: Wie kommen wir wieder dahin, mehr zu reparieren und nicht beispielsweise immer sofort ein neues Handy anzuschaffen? Dafür ist eine politische Rahmensetzung nötig, die eine Reparatur attraktiver macht und Möglichkeiten schafft, selbst zu reparieren oder reparieren zu lassen, indem Ersatzteile, Reparaturanleitungen oder Diagnosesoftware zugänglich sind – und zwar nicht nur für professionelle Dienstleister, sondern für alle.

IH: Warum ist es wichtig, die Reparatur politisch zu stärken?
JS: Momentan ist die gewerbliche Reparatur auf dem Rückzug. Geräte halten kürzer und sind häufig nicht mehr zu reparieren. Wirtschaftlich ist es für die Hersteller oft lukrativer, wenn Gegenstände nur kurz genutzt und schnell neu gekauft werden. Wir brauchen daher eine Gesetzgebung, die das Recht auf Reparatur, statt auf Ersatz durch den Hersteller, und die Gestaltung und Produktion reparaturfähiger Produkte stärkt. Auch steuerliche Vergünstigungen für Reparaturdienstleistungen wären eine Option. Besonders wichtig ist der Zugang zu kostengünstigen Ersatzteilen für unabhängige Werkstätten und Reparatur- Initiativen. Derzeit gibt es zum Glück noch viel Reparatur-Know-how in der Gesellschaft – das darf nicht verschwinden.

IH: Wie ist der Runde Tisch Reparatur organisiert und wie arbeitet er?
JS: Der Runde Tisch Reparatur vereint gewerbliche und ehrenamtliche Reparaturpraxis, Verbraucherschutzorganisationen, Umweltverbände und wissenschaftliche Institute und steht somit auf einer breiten Basis unterschiedlicher Interessen und Perspektiven, die in die Arbeit einbezogen werden. Gemeinsam diskutieren und erarbeiten die Mitglieder Konzepte zur Stärkung der Reparatur, die daraufhin mittels Pressearbeit, aber auch im direkten Kontakt mit PolitikerInnen verbreitet werden. Der Runde Tisch beobachtet und analysiert aktuelle Gesetzesinitiativen, um seine Themen gezielt zu platzieren und in den politischen Prozess einzubringen. Auch die politischen Entwicklungen in anderen Ländern werden verfolgt.

IH: Welche politischen Veränderungen hin zu mehr Reparatur bzw. besserer Reparierbarkeit sind denn bereits im Gange?
JS: Andere Länder sind uns da zum Teil deutlich voraus: In den USA konnte die »Right to Repair«-Bewegung Gesetzesänderungen zugunsten der Reparatur bewirken und in Schweden zum Beispiel gilt für Reparaturdienstleistungen ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz. Im KFZ-Bereich läuft es auch in Deutschland schon ganz gut, hier haben alle Reparaturbetriebe Zugang zu Ersatzteilen – ein Modell, das auch für den Elektronikbereich wünschenswert wäre. Zudem beschäftigt sich die EU gerade mit der Öko-Design-Verordnung. Dabei stehen vor allem Kriterien der Energieeffizienz im Fokus, aber auch Materialeffizienz soll in Zukunft verstärkt einbezogen werden und damit auch wichtige Kriterien der Reparierbarkeit.

IH: Wie können Reparatur-Initiativen den RTR unterstützen – und umgekehrt?
JS: Die Reparatur-Initiativen können die Forderungen des Runden Tischs mittragen, indem sie bei ihren Veranstaltungen darauf aufmerksam machen, mit LokalpolitikerInnen oder Wahlkreisabgeordneten das Gespräch dazu suchen oder die Forderungen online unterzeichnen. Auch das Sammeln und Erfassen der Reparaturdaten unterstützt den Runden Tisch Reparatur. Die Initiativen sind wichtig, um eine gelebte Reparaturkultur zu etablieren und sichtbar zu machen. Darum setzt sich der Runde Tisch dafür ein, Reparaturen auch im nicht-gewerblichen Kontext zu ermöglichen und dafür Ersatzteile, Anleitungen etc. zugänglich zu machen.


Die Forderungen des Runden Tisch Reparatur
Damit das Recht auf Reparatur Realität wird, müssen folgende Voraussetzungen geschaffen werden:
• Wie reparaturfreundlich und langlebig ein Produkt ist, muss bereits beim Kauf für alle KundInnen sofort erkennbar sein.
• Der Zugang zu funktionstüchtigen Ersatzteilen aus Gebrauchtgeräten muss sichergestellt werden.
• Die Preisgestaltung der Hersteller für Ersatzteile darf die Reparatur nicht unwirtschaftlich machen. Am besten wäre die Bereitstellung kostenfreier Ersatzteile über die gesamte Nutzungsdauer.
• Alle freien Werkstätten müssen Zugang zu Ersatzteilen, Software, Updates und allen reparaturrelevanten Informationen haben und dürfen nicht schlechter gestellt werden als die Servicewerkstätten der Hersteller.
• Reparaturen müssen von der Umsatzsteuer entlastet und sollten steuerlich gefördert werden. Diese ökonomischen Anreize werden bereits in einigen europäischen Staaten erfolgreich eingesetzt.
• VerbraucherInnen müssen über die Bedeutung des Austausches von Geräten durch den Händler/Hersteller entweder im Gewährleistungszeitraum oder bei einer späteren Wartung aufgeklärt werden.

www.runder-tisch-reparatur.de

















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Repariert werden im Repair Café nicht nur Dinge und Geräte, vielmehr geht es beinahe zwangsläufig immer auch um gesamtgesellschaftliche Verhältnisse; Verhältnisse, die so viel Müll produzieren, die dafür sorgen, dass Dinge so billig sind, dass es »vernünftig« scheint, sie wegzuwerfen. Wer trotzdem repariert, versieht dieses vermeintlich Vernünftige mit einem Fragezeichen oder macht sich für eine andere Art Vernunft stark, für eine ökologische Vernunft beispielsweise. Hintergrund für die neuerliche Hinwendung zum Reparieren ist direkt oder indirekt eine kollektive Verständigung über aktuelle Problemlagen, angesichts einer Wachstumsdynamik und Steigerungslogik, die der Welt nicht gut tut, und den Menschen oft auch nicht. Die Reparatur will Sand im Getriebe sein beim scheinbar unaufhaltsamen Zerstörungswerk - der Verwertung von Mensch und Natur. Die Profitlogik verlangt, dass sich die Dinge schnellstmöglich in Müll verwandeln, die Produktion immer neuer Waren darf niemals stillstehen, da das Kapital sich vermehren muss. Jedes bereits gestillte Bedürfnis muss alsbald neu geweckt werden. Die Praxis des Reparierens unterläuft diesen Mechanismus gekonnt und könnte somit beim Vorhaben, »die Ökonomie zu reparieren«, ein sozial und ökologisch (wieder) eingebettetes Wirtschaften zu entwickeln, eine gewisse Rolle spielen.

Dingen durch Recycling und Reparatur ein zweites und drittes Leben zu verschaffen, schont nicht nur Ressourcen und vermeidet Müll, es verändert (sprich repariert) auch das Verhältnis zu den Dingen. Das reparierende Subjekt entwickelt ein bewussteres Verhältnis zur Welt; nicht so sehr eins des Zugriffs, sondern mehr eins der Sorge (und Pflege). Während KonsumentIn sein eine sorglose Ex-und-Hopp-Haltung zur Welt fördert (Man hat das Ding gekauft, man benutzt es, solange es seinen Zweck erfüllt, man wirft es weg.), fragt man beim gemeinsamen Reparieren nach der Herkunft der Dinge, ihrem Lebenszyklus und den Folgen ihrer Produktion und versucht, trotz der über den (Welt-)Markt vermittelten Trennungen, sich wieder in Beziehung zu setzen und Verantwortung für die Folgen des Handelns – für Extraktivismus und ausbeuterische Produktionsbedingungen – zu übernehmen. Die imperiale Lebensweise (Brand/Wissen 2017) – der Zugriff auf Ressourcen und Arbeitskraft des globalen Südens – ist ungerecht und nicht zukunftsfähig. Perspektivisch wird es darum gehen, sich zu minimieren, Vorstellungen für die möglichst demokratische Gestaltung einer »reduktiven Moderne« zu entwickeln. Und dabei geht es nicht um das Design der Dinge, sondern, wie Sommer/Welzer (2014) betonen, um das Re-Design des Verhältnisses zwischen Rohstoff und Produkt. Damit fangen sie im Repair Café schon einmal an. Reparieren könnte also Auftakt für ein tatsächlich nachhaltigeres Leben sein. Da sich die Wachstumslogik nicht nur den ökonomischen Verhältnissen, sondern auch den Subjekten längst eingeschrieben hat – unter Wohlstand, Fortschritt und Entwicklung wird das permanente Mehr verstanden – besteht die Herausforderung nämlich darin, neue Wohlstandsmodelle zu entwickeln, die die Lebensqualität steigern, obwohl – oder weil – sie die materiellen Ansprüche begrenzen. Hier setzt Reparieren an. Es ist ein attraktiv eigensinniges Handeln, das auch die Eigenmacht – von Individuen und Communitys – stärkt. Nichtkommerzielle Reparatur ist eine Subsistenztechnik: Sie dient unmittelbar der Versorgung, orientiert sich am Gebrauchswert und erhöht die Eigenständigkeit in den alltäglichen Verrichtungen des Alltags. Wie Kochen, Upcyclen, Wiederverwerten oder Lebensmittel anbauen ist Reparieren eine nachhaltige, selbstbezügliche und reflexive Form des Arbeitens
bzw. der Produktion, das bzw. die sich der Warenförmigkeit zu entziehen sucht und nichtkommerzielle Orte schafft.

Was beim gemeinschaftlichen Reparieren von Dingen passiert, geht über den reparierten Toaster oder den geflickten Computer hinaus, entscheidend sind gerade auch die sozialen Erfahrungen: des Miteinanders, der sozialen Wirkmächtigkeit. Andere Weisen zu wirtschaften werden hier unmittelbar erfahrbar: durch Kooperation, Peer-Produktion, Selbstermächtigung, Commoning. Solche Erfahrungen dienen unzweifelhaft auch der Reparatur der (sozialen) Welt. Mit der gemeinschaftlichen Reparatur entstehen zugleich soziale Netze. Wo Vereinzelung war, ist plötzlich ein gemeinsames Interesse, eine kollektive Aktion. Als temporäre Infrastruktur im Stadtteil bringt eine Reparatur-Initiative regelmäßig Leute miteinander ins Gespräch, ins Tun und in Beziehung. Im Kontext einer lokalen Reparaturkultur stiftet Reparieren also auch Kohäsion. Und es wird am »Neuen Gemeinsamen« gestrickt (Hark et al.2015). Reparaturevents ermöglichen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und begünstigen so auch – bzw. sind selber – eine demokratische Innovation: Hier wird die partizipative Gestaltung sozialer Umwelten versucht. Mit anderen Worten: »Geflickt wird auch der Riss, der zwischen den Dingen und der Welt durch die Industrieproduktion entsteht, bei der es nicht primär um den Gegenstand, sondern um den Profit geht.« (Baier et al. 2016: 37) Die Aufhebung der (unseligen) Trennung zwischen Arbeit und Konsum, Herstellen und Verwenden – Bedingung für die endlose Fortführung der Produktion – könnte ein erster Schritt in Richtung Postwachstumsgesellschaft oder »GroßeTransformation« sein.

Literatur:
Baier, Andrea / Tom Hansing / Christa Müller / Karin Werner (2016): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis, Bielefeld: transcript Verlag /// Brand, Ulrich / Markus Wissen (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, München: oekom Verlag /// Hark, Sabine / Rahel Jaeggi / Ina Kerner / Hanna Meißner / Martin Saar (2015): Das umkämpfte Allgemeine und das neue Gemeinsame. Solidarität ohne Identität. In: Feministische Studien 1/2015, München, S. 99-103 /// Sommer, Bernd / Harald Welzer (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München: oekom Verlag.

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Weltweit entstehen immer mehr Initiativen des Selbermachens, in denen eine Vielfalt von Anliegen und Problemen kollektiv bearbeitet werden. In diesen – jenseits von Markt und Staat angesiedelten – kollaborativen Zusammenhängen wird ein basisdemokratisch orientiertes Verständnis von Zusammenleben und Urbanität erprobt und zugleich nach ökologisch und sozial sinnvollen Lösungen für grundlegende Formen der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Energie sowie für alle zugängliche Technik gesucht. Dabei entstehen faszinierende neue Formen des gemeinsamen Produzierens, Reparierens und Tauschens von Dingen, die die industrielle Logik des 20. Jahrhunderts herausfordern und sogar auf den Kopf stellen. Das Buch widmet sich der visionären Kraft dieser vielversprechenden innovativen Praxis und bietet zugleich eine gesellschaftliche Einordnung der neuen »Labore« gesellschaftlicher Transformation.


Andrea Baier / Tom Hansing / Christa Müller / Karin Werner (Hg.)
Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis
transcript Verlag, 2016

Hier einen Blick ins Buch werfen:
www.die-welt-reparieren.de
(Die digitale Version steht als Open-Access-Datei zur Verfügung!)

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Die anstiftung unterstützt die Verbreitung und Stärkung des gemeinschaftlichen Reparierens, da es nachhaltige Lebensstile alltagspraktisch erfahrbar macht, Menschen unterschiedlicher Herkunft/Alter/Orientierung zusammenbringt und produktiven Austausch fördert.

Wir unterstützen Reparatur-Initiativen nicht als Marke oder Logo, sondern arbeiten mit Akteuren und Initiativen freier Assoziation und Namensgebung zusammen, die zu einer commons-basierten Kultur der Nachhaltigkeit und des gemeinschaftlichen Selbermachens beitragen wollen.

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An mittlerweile über 900 Orten in ganz Deutschland reparieren Menschen gemeinsam, ehrenamtlich und öffentlich. Nahezu täglich findet irgendwo mindestens eine Reparaturveranstaltung statt und nach wie vor gründen sich an vielen Orten neue Initiativen. Die in dieser Broschüre portraitierten Projekte zeigen dabei nur einen Teil der Vielfalt dieser Reparaturlandschaft. Doch egal ob Reparaturcafé, ReparierBar, Café kaputt oder Elektroniksprechstunde – alle diese Initiativen beschäftigen sich mit ähnlichen Fragen, unabhängig davon, ob sie als Verein, in Kooperation mit einer Trägerinstitution oder als Gruppe von Privatpersonen agieren: Wie organisieren wir unsere Reparaturveranstaltung? Auf welchem Weg finden wir Mitwirkende und wie können wir sie zu kontinuierlichem Einsatz motivieren? Welche Kommunikationskanäle eignen sich am besten? Und wie stellen wir ein funktionierendes Team auf? Damit nicht jedes Mal das Rad neu erfunden werden muss, ist das Netzwerk Reparatur-Initiativen Ansprechpartner für alle Fragen rund ums gemeinsame Reparieren. Knapp 40 ehrenamtliche Projekte reparierten im Jahr 2013 in Deutschland, als die anstiftung
begann, Reparatur-Initiativen zu unterstützen und die Projekte miteinander bekannt zu machen. Im Herbst 2014 fand das erste bundesweite Vernetzungstreffen im Deutschen Museum Verkehrszentrum in München statt, weitere folgten in Berlin und Bielefeld. Auf regelmäßig stattfindenden regionalen Netzwerktagen können die Aktiven zudem persönlich in Austausch treten, Wissen und Erfahrungen teilen sowie sich von Ideen und Konzepten anderer Initiativen inspirieren lassen.

Seit 2015 steht den Projekten mit der Plattform www.reparatur-initiativen.de eine virtuelle Infrastruktur zur Verfügung, um auf die eigenen Veranstaltungen aufmerksam zu machen, sich im angeschlossenen Forum mit anderen Projekten auszutauschen und zahlreiche Materialien für die Organisation zu nutzen. Wer ein Reparaturcafé gründen möchte, findet hier umfassende Informationen und Ideen zur konkreten Umsetzung und Menschen mit Reparaturbedarf können nach Adressen und Terminen suchen, an denen sie Reparaturhilfe erhalten. Heute (Stand Juli 2018) zählt die Netzwerkplattform rund 650 Reparaturprojekte.


Das Netzwerk bietet ehrenamtlich organisierten Reparatur-Initiativen Wissensaustausch mit anderen Initiativen und ist als Anlaufstelle für Fragen rund um die Gründung, Organisation und Durchführung einer Reparatur-Initiative ansprechbar. Zudem verhilft es der Bewegung zu größerer medialer Sichtbarkeit. Die von der anstiftung betriebene Koordinationsstelle berät und vernetzt telefonisch bzw. online und veranstaltet Vernetzungstage, Workshops und Webinare, um die MacherInnen und Aktiven im ehrenamtlichen Engagement zu unterstützen und auch im realen Leben zusammenzubringen. Außerdem setzt sich das Netzwerk Reparatur-Initiativen auf gesellschaftspolitischer Ebene für zivilgesellschaftliches Reparieren ein, durch Kooperation mit Institutionen aus dem Bereich Umwelt- und Ressourcenschutz, Beteiligung an Forschungsprojekten und dem Runden Tisch Reparatur und Mitgründung der Open Repair Alliance mit internationalen Partnerorganisationen, zur weltweiten Verbreitung des gemeinsamen, nicht-kommerziellen Reparierens.

INFO Haftpflichtversicherung
Um die Praxis des gemeinschaftlichen, nicht-kommerziellen Reparierens zu stärken und die vielen Aktiven vor Ort zu entlasten, hat sich die anstiftung entschieden, gemeinsam mit dem ihr nahestehenden Verbund Offener Werkstätten e.V. eine Haftpflichtversicherung zu organisieren. Diese Verbandsversicherung ist speziell für den Betrieb Offener Werkstätten (FabLabs, Makerspaces, Selbsthilfe-Werkstätten, etc.) und/oder Repair Cafés ausgelegt und auf die dort stattfindenden Aktivitäten zugeschnitten.

> Träger der Versicherung ist der Verbund Offener Werkstätten e.V., welcher 2009 durch die anstiftung gegründet wurde und dessen Sprecher u.a. Tom Hansing ist.
> In Anspruch nehmen kann die Versicherung jedes Repair Café, das ehrenamtlich und nicht-kommerziell organisiert ist – entweder als Zusammenschluss von Privatpersonen oder im Rahmen einer Institution bzw. als e.V.
> Weitere Informationen: https://www.offene-werkstaetten.org/seite/versicherung> www.reparatur-initiativen.de/versicherung


Netzwerk Reparatur-Initiativen
> Beratung via E-Mail und Telefon
> Unterstützung bei regionaler und lokaler Vernetzung
> Plattform www.reparatur-initiativen.de
> Netzwerk-Newsletter
> Hilfe bzgl. Sicherheit und Haftung
Kontakt:
> Tel.: 089 / 74 74 60-18
> E-Mail: reparieren@anstiftung.de



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Reparatur-Initiativen und Repair Café MacherInnen aus ganz Deutschland waren am 11.10.2014 eingeladen, andere InitiatorInnen an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen und gemeinsam zu überlegen, ob und wie sich der Aufbau einer Community für Deutschland lohnen könnte. Welche unterstützenden Maßnahmen könnten das Konzept weiter voranbringen? Wie lassen sich lokale Initiativen stärken? Wie können lokale Gruppen voneinander lernen, sich austauschen, vernetzen?

Eines der Arbeitsergebnisse ist diese Resolution.

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Weltweit schrauben und werkeln Reparaturbegeisterte gegen wachsende Müllberge und Ressourcenverschwendung an – und seit 2017 auch in gemeinsamer Mission. Um den länderübergreifenden Austausch zu erleichtern und sich vereint für Reparatur stark zu machen, haben sich fünf Reparaturorganisationen zusammengeschlossen und die »Open Repair Alliance« gegründet. Erklärtes Ziel dieser Vereinigung, die bislang neben dem deutschen »Netzwerk Reparatur-Initiativen« aus dem britische »Restart Project«, »iFixit«, der niederländischen »Stichting Repair Café« und »Fixit Clinic« aus den USA besteht, ist es, sich mit vereinten Kräften für langlebigere und reparaturfähige Produkte stark zu machen und das Recht auf eigenmächtige Reparatur einzufordern. Gemeinsam entwickelt die Gruppe einen offenen Datenstandard, um die Reparaturen ehrenamtlicher Initiativen einheitlich erfassen, zusammenführen und vergleichen zu können. Da es bislang keine validen Daten zu Reparaturleistungen gibt, bekommt die reparierende Zivilgesellschaft damit eine starke Stimme. Hinter jedem registrierten Gerät steht die intensive Arbeit eines Reparateurs bzw. einer Reparateurin, der oder die Zeit und Know-how investierte, um einen Defekt zu suchen,zu verstehen und zu beheben.

Das Netzwerk Reparatur-Initiativen hat dafür auf der Onlineplattform ein digitales Formular eingerichtet, um die Reparaturdaten zu erfassen, lokale Statistiken für die Initiativen darzustellen sowie die Reparaturleistungen aller dort verzeichneten Projekte sichtbar zu machen. Die Gesamtstatistik gibt auch die CO²-Menge aus, die durch das Reparieren eingespart wird. Die gesammelten Daten sowie der »Open Repair Standard« sollen später nicht nur den Mitgliedern der »Open Repair Alliance« zur Verfügung stehen, sondern auch auf gewerbliche Reparaturwerkstätten und andere Institutionen ausgeweitet werden, die Reparaturdaten erheben und diese als Open Data teilen möchten. Durch diese und andere Maßnahmen möchte die »Open Repair Alliance« die Herstellung, Nutzung, Aufbewahrung und das Reparieren von Gegenständen verändern – was auch die Politik langsam als Notwendigkeit zu begreifen beginnt. Um das Bewusstsein für Reparatur nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich zu vergrößern, hat die Allianz den internationalen »Repair Day« ausgerufen. Dieser findet jährlich am dritten Samstag im Oktober statt. Reparatur-Initiativen aus der gesamten Welt sind eingeladen, sich mit einer Reparaturaktion, Infoveranstaltung oder anderem daran zu beteiligen, um noch mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig eparieren ist – und wie viel Freude es bereitet.
www.openrepair.org


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... Kunst & Recycling (Kunst-Stoffe, Berlin)
... Kultur (Repair Café Oldenburg)
... Hackerspace (Shackspace, Stuttgart)
... Baugenossenschaft (Repair Café Hamburg)
... FabLab (Garagelab, Düsseldorf)
... Flüchtlinge (Volldabei, Augsburg)
... Kinder (Repair Café Sasel)
... Schule (Emil-Barth-Schule, Haan)
... Senioren (Seniorentreff Starnberg)
... das Land (Repair Cafés in Tirol)
... TransitionTown (Freiburg/Bielefeld)
... Offene Werkstatt (Dingfabrik, Köln)
... Handwerk (Kempodium, Kempten)

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Steckbrief
Ort: Berlin
Gründung: Januar 2013
Häufigkeit: 1 x pro Monat
Wo: Café MadaMe, Mehringplatz 10, Berlin
Durchschnittliche Besucherzahl: 20
Geräte pro Termin: 25-30
Durchschnittliche Reparaturquote: 60 %

Team
Organisation
ReparateurInnen pro Termin: 4
Reparateurs-Kontakte insgesamt: 8
Zusätzliche HelferInnen pro Termin: 1

Als Elisa Garrote Gasch 2012 bei einem »demokratischen Teamtreffen« des Vereins »Kunst-Stoffe Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien« von der Idee erzählte, ein Repair Café zu veranstalten, war der Enthusiasmus groß. »Es gab zu dieser Zeit noch keine solche Initiative in der Stadt«, erzählt sie. Geld war zwar keines da, aber da sie gerade Zeit hatte, fing sie einfach erst mal an. Für die bildende Künstlerin, die sich in ihren Arbeiten schon lange mit der Wegwerfgesellschaft auseinandersetzt, ist der Zusammenhang von Reparieren und Kunst evident. »Es ist ein kreativer Prozess. Wie findet man den Fehler, wie geht man die Sache an, wie erschafft man etwas aus vermeintlich wertlosen Materialien?« Das Konzept von »Kunst-Stoffe Berlin« traf den Kern ihres künstlerischen Schaffens. Der Verein hat es sich auf die Fahnen geschrieben, »die kreative Auseinandersetzung im Umgang mit Rest- und Gebrauchsmaterialien zu fördern«. Diese werden gesammelt und preiswert an Kunstschaffende, Bastler und gemeinnützige Einrichtungen abgegeben, um in der Folge zu Kunstwerken, Designobjekten, Bühnenbildern und Dekorationen verarbeitet zu werden. Elisa Garrote Gasch bot zunächst Upcycling-Workshops für Kinder und Jugendliche an, also Bildung für nachhaltige Entwicklung. Auch dabei geht es wie in ihrer Kunst um die »Verwertung undTransformation von billigen, populären und massenhaft produzierten Dingen und Abfallmaterialien.«
Diese Materialien sind Inspirationsquelle und Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit – und eben auch des ersten Berliner Repair Cafés, das zunächst in Gaschs privatem Kreuzberger Atelier stattfand. »Meine Kunst ist für mich. Ich arbeite oft allein. Beim Repair Café wird ein öffentlicher Raum produziert. Ich finde es toll, mehrere Leute dazuhaben, diemeine Sachen mitbenutzen«, sagt sie. »Neben aller Individualität ist Kunst schließlich auch Kommunikation.« Das merken auch die Besucher, die häufig wieder kommen oder auch die Reparateure, die inzwischen zu Freunden geworden sind. »Bei den Reparatur-Veranstaltungen geht es manchmal gar nicht primär ums Reparieren, sondern darum, die Sachen zu verstehen, zu helfen.« Wenn jemand beispielsweise uralte Geräte wie einen »Plattenschlucker« bringt, den Vorgänger des Walkman für das Abspielen von Schallplatten, oder das einstige Lieblingsspielzeug der verstorbenen Großmutter, geht es um weit mehr als den bloßen Akt des Reparierens. Diese Dinge haben einen emotionalen Wert und sind zugleich kulturgeschichtliche Zeitzeugen. Kunst, Kultur, Design, Kreation – in
den inzwischen drei Repair Cafés, die Gasch in Berlin gründete, fließt vieles zusammen. 2013 erhielt das Repair Café Kunst-Stoffe den Berliner Umweltpreis. Die Begründung der Jury: »Das Repair Café Kunst-Stoffe (...) nimmt die Menschen mit und unterstützt sie dabei, nicht nur wieder ein funktionierendes Gerät mit nach Hause zu nehmen, sondern dem gängigen Konsumverhalten praktisch etwas entgegensetzen zu können. Dazu braucht es Kreativität, Know-how und die Fähigkeit, anderen Neues beizubringen.« Vom Geld des Umweltpreises wurden neue Werkzeuge gekauft. Ob damit Dinge repariert werden oder Neues erschaffen wird? Der Übergang ist fließend.

Berliner Umweltpreis 2013:
http://www.berliner-abfallcheck.de/node/107
https://www.kunst-stoffe-berlin.de/repair-cafe-de
http://repaircafe-soldiner.de/

Kontakt:
Elisa Garrote Gasch
repaircafe@kunst-stoffe-berlin.de


 

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Steckbrief
Ort: Oldenburg
Gründung Reparatur-Initiative: September 2013

Häufigkeit: 5 x Monat

Wo: fünf Veranstaltungsorte im
Stadtgebiet

Träger: transfer e.V.

Durchschnittliche Besucherzahl: 300
Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 350

Durchschnittliche Reparaturquote: 75 %


Team

Organisation: 4-5

ReparateurInnen pro Termin: 5-15

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 75

HelferInnen pro Termin: 3-7

Schon bei den ersten Zusammenkünften der Initiatoren des Repair Café Oldenburg in der genossenschaftlich geführten alternativen Kultureinrichtung „Polyester“ stand fest, dass es in diesem Projekt neben der klassischen Reparatur von Objekten auch um eine Reflektion von Maßstäben, Werten und Normen gehen soll. Gemeinsam mit dem Theater entwickelten der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech, der wohl bekannteste Vorreiter der Postwachstums-Ökonomie, gemeinsam mit Viola Fetz, Maja Bergmann und Katharina Dutz eine künstlerisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ziel, die Reparaturkultur in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, Alternativen zum Wachstumswahn zu bieten und den Nachhaltigkeitsgedanken performativ zu vermitteln.

So entstand im Sommer 2014 eine Kooperation mit dem Oldenburgischen Staatstheater. Unter der Überschrift „Gemeinsam weniger erreichen“ wurde in mehreren Formaten eine sozio-theatrale Feldforschung als künstlerisches Experiment gestartet: das Repair Café ging für zwei Spielzeiten ans Theater. Dort wird Reparatur theatralisch inszeniert, um neue Formen der Nachhaltigkeitskommunikation zu entwickeln. Es geht dabei auch darum, Gedanken und Einstellungen zu „reparieren“ und damit postwachstumstaugliche Praktiken und Lebensstile emotional erfahrbar zu machen. Neben den Experten für Nähen, Flicken, Löten und Schrauben geben z.B. SchauspielerInnen aus dem Ensemble des Staatstheaters ihr Wissen über Sprechen, Bewegung, Singen und Spielen weiter. In einer Vorlese-Ecke, die wie ein orientalisches Zelt mit Sitz- und Liegekissen ausgestattet ist, lesen Profis Märchen vor. „Ohne Unterstützung von KünstlerInnen gehen uns die Einfälle und der Humor aus“, schreibt Paech. Und beides braucht es, um die Idee von einer Postwachstumsgesellschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Der Ansatz dieses „genreübergreifenden“ Repair Cafés ist es, einen Vorrat an „vitalen Praktiken“ zu vermitteln, die in der Tradition von Beuys‘ „sozialen Plastiken“ steht.

Wahre ÜberlebensKUNST bedeutet für Paech, auf genügend Praktiken zurückgreifen zu können, „wenn der Laden allmählich zusammenkracht.“ Die Liste dieser Praktiken liest sich wie ein Katalog der Nachhaltigkeit. Neben Reparatur von Elektrogeräten, Möbeln, Fahrrädern und Puppen, neben Messerschleifen, Spinnen, IT-Beratung und Upcycling wird Yoga angeboten, eine „Vermittlungsagentur für soziale Kontakte“ hilft, Menschen zu einem idealen Theater-Gespann zusammenzubringen, das „Amt für materielle Abrüstung“ und das „Museum für Konsumwahn“ sagen dem sinnbefreiten Konsumterror der Wegwerfgesellschaft den Kampf an, es wird Plattdeutsch gelehrt, fürs Leben beraten und vegan gespeist. Weil die vom Theater zur Verfügung gestellte „Exerzierhalle“ der gesammelten Kreativität nicht mehr genügend Raum bieten konnte, findet das Repair Café nun in einem Probenhaus des Theaters auf drei Etagen mitten in der städtischen Einkaufsmeile statt. Doch das ist erst der Anfang. Ab der zweiten Spielzeit soll es bei freiem Eintritt öffentliche Uni-Seminare im Theater geben, Foren und Diskussionsrunden werden ebenso inszeniert wie Überraschungs-Aktionen im Theater. Gipfeln soll dieser Utopie-Entwurf in einem Bürgertheaterprojekt zum Thema Burn-out am Ende der Spielzeit 2015/16. Alles wird theatralisch aufgeladen und spielerisch inszeniert. Oft lustig, aber eben mit ernstzunehmender Botschaft. „Am Anfang haben wir noch Werbung gemacht. Alte Fahrräder mit riesigen Schraubenschlüsseln waren unsere Hinweisschilder.“, so eine der Initiatorinnen. Diese Zeiten sind längst Vergangenheit. „Die Leute stehen heute wirklich Schlange.“ Solch große Veranstaltungen bedeuten natürlich einen erheblichen organisatorischen Aufwand. Zum Glück wird das Repair Café von EhrenamtlerInnen und Studierenden der Oldenburger Universität tatkräftig unterstützt. „Die Herausforderung für uns besteht nun darin, dieses Level so gut es geht aufrechtzuerhalten und uns trotzdem weiterzuentwickeln“. Man darf gespannt sein.

http://repaircafeoldenburg.org
Statement von Niko Paech

E-Mail: repaircafe.orgateam@gmail.com

 

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Steckrief
Ort: Stuttgart
Gründung Reparatur-Initiative: Mai 2013
Häufigkeit: alle 2 Monate
Wo: Vereinsräume / Tech-Werkstatt (shack e.V. ist Träger)
Durchschnittliche Besucherzahl: 20

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 20
Durchschnittliche Reparaturquote: 60%

Team
Organisation: 2

ReparateurInnen pro Termin: 5

Reparateurs-Kontakte insgesamt: ca. 10

HelferInnen pro Termin: 2

In einer Studie des britischen „Centre for sustainable Design“ von 2014 wurden Repair Cafés und Hackerspaces vergleichend untersucht. Beide werden als Beispiele neu entstehender, basisdemokratischer Orte gesehen, an denen Menschen gemeinsam experimentieren, verbessern, konstruieren oder eben reparieren.

Im Gegensatz zu Repair Cafés werden Hackerspaces allerdings als wenig offene Räume wahrgenommen. Viele Menschen sehen in ihnen eher konspirative und vollvernetzte Höhlen von Technikfreaks und Computerfritzen, die das Tageslicht scheuen, sich von Mate Tee ernähren und in einer Sprache kommunizieren, die sich Uneingeweihten nicht immer erschließt. Eine hermetisch von der Außenwelt abgeschottete, eingeschworene Gemeinschaft von Gleichgesinnten also, die den Kontakt zur Außenwelt meidet und sich nur um sich selbst dreht. Ist das tatsächlich so? Mitnichten. Der Stuttgarter „shackspace“ beispielsweise lebt von seiner Offenheit und zwar nicht nur, wenn es um freie Soft- und Hardware, Netzpolitik und andere Bereiche von Digitalkultur geht. Für Dirk Winning, Ingenieur der Elektrotechnik und Initiator des an den shackspace angeschlossenen Repair Cafés geht es beim Hacken in erster Linie um ethische Fragen, darum zu verstehen und zu verändern. Und eben nicht darum, Dinge zu zerstören oder illegal in Systeme einzudringen, um kriminellen Machenschaften nachzugehen. „Das wären dann sogenannte ‚Cracker’“, erklärt er. Der 180 Mitglieder starke shackspace befasst sich mit völlig anderen Themen. Mit der Frage nach gerechten Bildungschancen beispielsweise oder dem Teilen und Öffnen von Wissen, unabhängig von Alter, Abstammung oder Ausbildung. Hier wird gemeinsam und praxisorientiert gelernt und verändert. „Natürlich programmieren wir auch, aber wir organisieren genauso Partys, veranstalten Spielesessions, Kulturprogramme – oder eben Repair Cafés.“ Dabei reizt die technik-affinen Hacker natürlich erstmal der elektrische Defekt, aber es sind ausdrücklich „auch mechanische Dinge gern gesehen“. Dirk Winning erzählt, dass zu den Repair Cafés Leute kommen, die einen Hackerspace sonst niemals betreten würden. „Erst kürzlich haben wir einen etwa zwanzig Jahre alten Mac repariert.“ Mit dem hätte sich der Kunde wohl kaum in das vermeintliche Mekka modernster Technologien gewagt. Der Computer war dann allerdings nicht das Problem. „Das Netzteil war kaputt“, erzählt Winning lachend. Auch sonst soll das Repair Café im shackspace vor allem Spaß machen. Zu viel Aufwand ist da hinderlich. „Es gibt hier kein großes Organisations-Gedöns. Vieles ergibt sich einfach von selbst. Wer da ist, hilft mit.“ Das können auch mal BesucherInnen sein, die häufig wiederkommen und gerne mit Hand anlegen. Am Ende kommt es nicht darauf an, ob Hacker und Reparateure sich in sämtlichen Punkten ähneln. Was zählt ist, dass Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft zusammenkommen, um miteinander etwas zu erschaffen. Und wenn beides dann sogar Hand in Hand geht wie im shackspace – umso besser.

http://shackspace.de/wp-run.php/
http://repaircafe.winningindustries.de
Kontakt: repc@winningindustries.de

 




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Steckbrief
Ort: Hamburg
Gründung Reparatur-Initiative: Juli 2014

Erste Veranstaltung: 6.Juni 2015

Häufigkeit: 1 x pro Quartal

Wo: Nachbarschaftstreff

Träger: Baugenossenschaft Hamburger Wohnen eG

Team

Organisation: 1 + 1

ReparateurInnen pro Termin: 12

Kontakte insgesamt bisher: 40

HelferInnen pro Termin: 9

»Unser Kerngeschäft ist das nachhaltige Bewirtschaften und Bauen von Wohnungen, um unseren Mitgliedern sicheren Wohnraum zu einem fairen Preis anbieten zu können. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Handelns findet sich im sozialen Bereich. Hier bieten wir unseren Mitgliedern im Rahmen des sozialen Managements die unterschiedlichsten Aktivitäten an. Mit der gezielten Förderung von Nachbarschaften wollen wir u.a. der urbanen Vereinsamung ein Stück weit entgegentreten.« Mit diesen hehren Zielen ist die knapp 7000 Mitglieder starke »Baugenossenschaft Hamburger Wohnen eG« angetreten. Bislang sehr erfolgreich. Über ehrenamtlich organisierte Veranstaltungen, Ausflüge und Treffen für eine lebendige, vernetzte Nachbarschaft entstehen neue Kontakte – und manchmal auch spannende Ideen. So berichtete ein Genossenschaftsmitglied begeistert von Repair Cafés.

Diese Anregung griff die Baugenossenschaft auf und setzte sie im Rahmen der Abteilung »Soziales Management« gemeinsam mit Ehrenamtlichen in die Tat um. Mit einem Aufruf für Reparaturexperten beim nachbarschaftlichen Sommerfest in der »Stellinger Linse« - mit rund 1600 Wohnungen das größte Quartier der Baugenossenschaft - ging es los. Bestehende Kontakte zu Bastlern und Tüftlern wurden genutzt, Aufrufe in Mitgliederzeitschriften und Wochenblättern gestartet, Mundpropaganda gemacht, Flyer verteilt, Aushänge gestaltet und plakatiert. Die Räumlichkeiten des Nachbarschaftstreffs wurden als Veranstaltungsortgewählt, ein Mitglied, das regelmäßig eine »Fahrrad-Sprechstunde« im Nachbarschaftstreff anbietet, als einer der ersten Reparateure gewonnen. Aus einer Hand voll interessierter Mitglieder wuchs sodann eine Gruppe von 21 Reparaturbegeisterten – zwölf Reparateure und neun Helfer. Zwar engagieren sich vor allem SeniorInnen beim genossenschaftlichen Reparieren, doch die Altersspanne der Mitwirkenden liegt zwischen
Ende 20 und Ende 80 – gelebter Generationenaustausch also.
Vor der konkreten Umsetzung wurde zum besseren Verständnis der Initiative noch ein Repair Café in Hamburg besucht. Eine wichtige Frage blieb noch die der Versicherung. Dafür wird heute die Betriebshaftpflichtversicherung der »Baugenossenschaft Hamburger Wohnen eG« genutzt, über die alle Ehrenamtlichen versichert sind.

Der Lokalfernsehsender »noa4« (kurz für »Nachbarn on air«), der von Genossenschaftsmitgliedern empfangen werden kann, berichtete mehrfach über die Veranstaltungen. Und auch der NDR führte ein Radiointerview mit den Ehrenamtlichen. Zudem steht die interne Mitgliederzeitschrift für Berichte zur Verfügung, denn Außenwirkung ist wichtig. »Dem Staat gelingt es zunehmend weniger, die vielschichtigen sozialen Aufgaben in unserer Gesellschaft zu bewältigen. Als Genossenschaft verstehen wir es als Herausforderung, im Rahmen unserer Möglichkeiten einen Teil dieser Aufgaben zu übernehmen«, formuliert die Baugenossenschaft ihr Selbstverständnis auf ihrer Homepage. Aus dem Genossenschaftsgedanken leitet sich eine Verpflichtung zum sozialen Engagement ab. »Unsere Genossenschaftsmitglieder hier sind nicht nur Mieter – sie sind engagiert und aktiv und haben ein Interesse daran, die Gemeinschaft zu fördern, sich hilfsbereit zur Seite zu stehen und sich mit ihrem Wohnumfeld zu identifizieren«, berichtet Simone Zückler, Leiterin für Soziales Management. Das Repair Café verdeutlicht diesen Gemeinschafts-gedanken und hilft zugleich, wichtige Werte wie das Erhalten statt Entsorgen von Gebrauchsgegenständen in die Tat umzusetzen.

www.hamburgerwohnen.de
Kontakt: Simone Zückler
s.zueckler@hamburgerwohnen.de

 

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Steckbrief
Ort: Düsseldorf
Gründung Reparatur-Initiative: Nov 2012 (das erste in Düsseldorf)
Häufigkeit: monatlich
Wo: Eigene Räumlichkeiten / Werkstätten + CoWorkingspace nebenan

Träger: Garagelab e.V.
Durchschnittliche Besucherzahl: ca. 50
Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: ca. 50
Durchschnittliche Reparaturquote: 65 %

Team
Organisation: 2

ReparateurInnen pro Termin: ca. 10
Reparateur-Kontakte insgesamt: über 100
HelferInnen pro Termin: 3

54 Mitglieder (aktive ca. 15)


„Am eindrucksvollsten war der Moment, als ich einen alten Kassettenrecorder repariert habe und der dann auch wirklich funktioniert hat. So einen zu besitzen, das war ein Kindheitstraum“, erzählt Axel Ganz, Initiator der Repair Café Initiative des Düsseldorfer Garage-Lab. Und auch wenn er von den Besuchern erzählt, scheint der emotionale Zugang einer der Haupt-Motivationsgründe. „Liebhaberstücke machen bei uns zwar nur zehn Prozent der gebrachten Gegenstände aus, doch die Gruppe derer, die Dinge aus persönlichen Gründen reparieren wollen, ist groß.“ Mal bringt jemand die Bohrmaschine seines Vaters, die gefühlt schon immer funktioniert hat oder auch eine retro-Küchenmaschine aus den 1950-ern, die selbst bei den oft jungen Reparateuren nostalgische Emotionen hervorruft.

Dabei scheint das Garage-Lab zunächst alles andere als ein Ort wehmütiger Rückbesinnung, wird in einem „FabLab“ ja per definitionem nach vorne geschaut. Das vom englischen fabrication laboratory abgeleitete „Fabrikationslabor“ verbindet die Neugier des Tüftlers mit modernster High-Tech. Neil Gershenfeld, Professor am MIT (Massachussetts Institute of Technology, media lab) veranstaltete 1998 einen Kurs mit dem Titel “how to make almost anything”, mit dem Ziel herauszufinden, welches die wichtigsten Maschinen und Werkzeuge sind, um eine maximale Bandbreite von Werkstoffen auf vielfältige Art und Weise bearbeiten und so möglichst alles selbst herstellen zu können. Mittlerweile ist eine internationale FabLab-Bewegung entstanden – auch und gerade im globalen Süden – zielt die Idee dahinter doch explizit auf einen sozialen und entwicklungspolitischen Zusammenhang. Gerade in ärmeren Regionen können die Menschen sich nicht einfach neue Dinge kaufen. Durch die Möglichkeiten digitaler Fabrikation werden sie unabhängig von Herstellern oder Neupreisen befähigt, beispielsweise fehlende Ersatzteile selbst herzustellen. Hilfe zur Selbsthilfe also. Und auch hierzulande helfen neue Technologien, kreative Lösungen zu schaffen. „Wenn zum Beispiel die Schlauchführung einer Kaffeemaschine kaputt ist, ist das Ersatzteil oft teuer und schwer zu bekommen – wenn überhaupt“, so Ganz. Mit Einsatz von 3D-Druck können derartige Kleinteile individuell hergestellt werden. Hilfe zur Selbsthilfe also mit dem Ziel, industrieunabhängig reparieren zu können.

Zur Grundausstattung eines FabLabs gehören computergesteuerte Fertigungsmaschinen wie Laserschneide- und Gravur-Maschinen, CNC-Fräsen und 3D-Drucker. Das Garage-Lab verfügt zudem auch über Lötvorrichtungen und andere Werkzeuge, sowie Teile für Elektronikarbeiten. Die so ausgestatteten offenen High-Tech-Werkstätten wirken auf vielen Ebenen. Wie passt diese elaborierte Technik-Welt aber zu den Erzählungen von Nostalgie und Kindheitserinnerungen? Bleiben die oft älteren Besucher des Repair Cafés unter sich, sind es also zwei abgetrennte Welten? Axel Ganz überlegt. Die Besucher des Repair Cafés sind tatsächlich häufig keine technikaffinen Menschen. Es kommen viele „Stammgäste“, die mitunter mehrere Geräte bringen – und den Kuchen gleich dazu. Etwa die Hälfte repariert aus finanzieller Notwendigkeit, weil ihnen schlicht die Mittel für einen Neukauf fehlt. Trotzdem sind sie neugierig, sie fragen nach, was ein FabLab wohl ist – und ab und an schwappt das Interesse über. Bei den vielen unterschiedlichen Besuchern kein Wunder. Das Repair Café im Düsseldorfer Garage-Lab ist mittlerweile fast schon zum Selbstläufer geworden. Werbung zumindest braucht es keine mehr. Dafür haben die MacherInnen den Umweltpreis der Stadt Düsseldorf erhalten, sowie den landesweiten Preis für „Soziale Nachhaltigkeit“ des NRW-Ministeriums. Die beste Anekdote zum Thema Kindheitserinnerungen? „Ein alter Mann brachte mal ein Tonbandgerät aus den 1960-er Jahren. Der Moment war sensationell schön, als es gelungen war, das Teil zu reparieren: Er selbst spielte darauf als kleiner Junge ein Weihnachtslied, das der Opa aufgenommen hatte.“ Knisternd und kratzend war die Stimme des Großvaters zu hören, der seinen Enkel ankündigte. „So ein Fund ist mehr als ein persönliches Erinnerungsstück. Es ist ein Zeitdokument.“ Und wenn für ein solches Gerät mal keine Ersatzteile mehr zu finden sind? – Im Garage-Lab nebenan können sie digital nachgebaut und ausgedruckt werden. Das ist vielleicht der größte Verdienst dieser Verbindung von Alt und Neu: Hier entsteht eine Gemeinschaft über alle sozialen und Alters-Grenzen hinaus. Was wertvoll ist und was nicht, entscheidet nicht die Industrie, sondern schlicht: die Menschen.

www.garage-lab.de
Kontakt: repaircafe@garage-lab.de (Axel Ganz)


 

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Steckbrief
Ort: Augsburg
Gründung Reparatur-Initiative: Sommer 2012
Häufigkeit: nach Möglichkeit und Bedarf
Wo: mobil
Durchschnittliche Besucherzahl: unterschiedlich
Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: unterschiedlichDurchschnittliche Reparaturquote: unterschiedlich

Team
Organisation: 1

ReparateurInnen pro Termin: 2-5

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 10

HelferInnen pro Termin: unterschiedlich

„Wir befassen uns schon seit den 1980er Jahren mit der Flüchtlingsdebatte und sind seit 25 Jahren inhaltlich dabei“, erzählt Holger Thoma, der zusammen mit seiner Frau Susanne die Fahrradwerkstatt „Volldabei“ ins Leben gerufen hat. Hier können Flüchtlinge gemeinsam mit Reparateuren ihre eigenen Räder reparieren oder mithelfen, sogenannte „rote Leihräder“ herzustellen. Diese Fahrräder können von den Flüchtlingen zunächst für vier Wochen kostenlos genutzt werden. „Das verschafft den nötigen Spielraum, um einen Reparaturplan für ein kaputtes Fahrrad zu entwerfen oder aber die Zeit, Geld für den Kauf eines eigenen Rades anzusparen“, erklärt Thoma das Konzept. „Es gab schon einmal ein ähnliches Projekt von einer anderen Initiative. Deren Fokus war es, Flüchtlinge mit geschenkten Fahrrädern auszustatten. Dabei geriet das Miteinander leider in den Hintergrund beim Gerangel um die Räder.“ Wenn alles einfach vorhanden ist, wächst die Anspruchshaltung.

Aus dieser Erfahrung wollten Holger und Susanne Thoma ein langfristiges Projekt starten, das Stadtgesellschaft, Nachbarschaft und Flüchtlinge zusammenbringt, mit dem Ziel, die Willkommenskultur in Augsburg und Schwaben zu bereichern. Allein in Augsburg gibt es derzeit etwa 1300 Flüchtlinge. Wenn Thoma zu ihnen kam, hörte er oft: „Ich brauche ein Fahrrad.“ „Mein Rad ist kaputt.“ So entstand die Idee, eine mobile Fahrradwerkstatt gemeinsam mit den Flüchtlingen aufzubauen. „Oft werden Geflüchtete als bedürftig abgestempelt, dabei unterschätzen wir die Kraft und die Ideen, die sie mitbringen. Viele Flüchtlinge stammen aus subsistenzorientierten Gesellschaften und haben eine Menge Fähigkeiten und Know-how, gerade was den Umgang mit alten Fahrrädern betrifft.“ Die Fahrradwerkstatt funktioniert ohne feste Termine, je nach Bedarf und auf freiwilliger Basis. „Wir müssen flexibel bleiben, Nischen finden. Wenn wir zu starr wären, ginge das Projekt schnell kaputt. Wir fragen uns, was wir leisten können und werden mal kleiner, mal größer, je nachdem.“
Im Moment gibt es etwa dreißig funktionstüchtige Übungs- und Leihräder, die zusammen mit den Werkzeugen größtenteils in einer Asylunterkunft lagern. Das gesamte Werkstattzubehör kann mit Fahrrädern und Anhängern transportiert werden. „So können wir an geeigneten Orten, wie zum Beispiel in Asylunterkünften oder bei Stadtteilaktivitäten eine temporäre Werkstatt errichten.“ Anwohner fragen da schon mal nach, ob das Ganze eine Kunstaktion sei.

Aus solchen Gesprächen ergeben sich neue Kontakte – und immer wieder auch Spendengelder.
Neben Fahrradwerkstatt und Leihrädern bietet Volldabei auch ein Frauen-Fahrradtraining an. Die reparierten Übungsfahrräder werden dafür zu einer Asylunterkunft gebracht, bei der das Training stattfindet. Trainerinnen sind engagierte Frauen, darunter häufig Migrantinnen. Für Kinderbetreuung ist gesorgt, Männer haben dort nichts zu suchen und dürfen auch nicht zusehen. Ein Raum also nur für Frauen.

Die neueste Idee ist, hochwertige Ausflugsräder, die bequem und gut zu fahren sind, zur Verfügung zu stellen. „Viele Flüchtlinge haben einen sehr beschränkten Bewegungsradius und einige fühlen sich noch unsicher in der neuen Umgebung. Da ist es doch toll, zusammen schöne Ziele in der Nähe aufzusuchen und z.B. am Fluss entlang zu radeln.“ Das Fahrrad und das Reparieren sind dabei vor allem Anknüpfungspunkte. „Später trifft man sich in der Stadt, man grüßt sich und es wird spürbar, dass die gemeinsame Zeit wichtig war. Durch gemeinsame Projekte entstehen Freundschaften und herzliche Kontakte“, erzählt Thoma.
Volldabei möchte andere dazu anregen, die Projekte zu übernehmen und weiterzutreiben. Auf die Frage nach seiner Motivation überlegt Thoma. Und antwortet dann: „Mein wesentlicher Antrieb ist es, viele Leute zusammenzubringen, damit Stimmungen nicht kippen.“ Die roten Fahrräder in Augsburg sind ein leuchtendes Zeichen dafür.

www.volldabei.org
kontakt@pareaz.de (Susanne und Holger Thoma)

 

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Steckbrief
Ort: Hamburg
Gründung Reparatur-Initiative, Repair Café Sasel: August 2013
Häufigkeit: 3 Repair Cafés und 4-6 Schul-Workshops im JahrWo: DRK Seniorentreffpunkt Sasel und Umweltzentrum Gut Karlshöhe (im Wechsel)
Träger: als private Initiative gestartet, seit Mai 2015 Hand+Werk e.V.
Durchschnittliche BesucherInnenzahl: zum Start zw. 180-380, jetzt 80-100
Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: zwischen 50 und 100
Durchschnittliche Reparaturquote: ca. 50% gleich + 25% im zweiten Versuch

Team
Organisation: 2
ReparateurInnen pro Termin: mindestens 10
Reparateurs-Kontakte insgesamt: ca. 50
HelferInnen pro Termin: 3-4

»Gerade für Kinder kann Reparieren ein spannendes und inspirierendes Erlebnis sein. Nur leider finden sie dazu in ihrem Alltag kaum noch Gelegenheit«, erzählt Kristina Deselaers, eine der beiden Gründerinnen des Repair Café Sasel, Hamburgs ältester Reparatur-Initiative. »Als mein Sohn in der fünften Klasse das Fach Technik bekam, lernte er am Rechner mit Powerpoint zu präsentieren. Das war alles – und mir zu wenig«, so Deselaers. Deshalb startete sie speziell auf Kinder abgestimmte Reparatur-Veranstaltungen, bei denen diese unter Anleitung handwerkliche Fertigkeiten erlernen und etwas Eigenes reparieren können. »Gleich die erste Schulklasse, die wir eingeladen hatten, war hoch konzentriert bei der Sache, untersuchte und bearbeitete begeistert mit uns ihre kaputten Dinge und entdeckte viele neue Talente.« Das Team lud sechs weitere Klassen zum »Wandertag« ins Repair Café ein und entwickelte aus diesen Erfahrungen, unterstützt vom Hamburger »Institut für Lehrerfortbildung und Schulentwicklung« (LI), das pädagogische Workshop-Konzept »RepairKids«. Dieses soll das Interesse von Kindern an Technik und Handwerk fördern und gleichzeitig ihr Verantwortungsbewusstseinfür den Umweltschutz steigern.
Dafür wird unter anderem spezielles Lehrmaterial zur Verfügung gestellt, mit dem die Klasse den Workshop im Unterricht vor- und nachbereitet. Auch der Umgang mit defekten Dingen im Alltag wird diskutiert. Wenn Spielsachen kaputt gehen, nehmen Kinder diese oft als »schlecht« oder »wertlos« wahr. An dieser Perspektive dreht »RepairKids«: Die Kinder werden zu Detektiven, gehen zuhause auf
'Schatz'-Suche nach Gegenständen wie einer eingerissenen Jacke, defekten ferngesteuerten Fahrzeugen oder einem quietschenden Skateboard. Oft gelingt es den Kindern, diese Sachen im Workshop an den Stationen für Textil, Holz, Mechanik oder Elektro mit den ExpertInnen zu reparieren. Dafür steht ein zehnköpfiges Team zur Verfügung. Um eine eins-zu-eins Betreuung zu ermöglichen, wird die Klasse zudem aufgeteilt. 90 Minuten lang repariert jeweils eine Gruppe, während die andere sich einem thematisch passenden Parallel- Programm widmet. Wer nichts zum Reparieren hat, kann Smartphone-Hüllen aus Textilien-Resten nähen, löten lernen oder eine Minitaschenlampe aus Elektroschrott bauen. Die Kinder notieren dabei auf Laufzetteln alle Techniken, die sie kennenlernen und erhalten dafür später eine »Reparatur-Urkunde«. »Beim Zerlegen und Bearbeiten von Gegenständen des persönlichen Alltags begreifen die Kinder technische Zusammenhänge und bekommen ein Gefühl für den Wert von Materialien. Und: Etwas ‚heilmachen’ stärkt das Selbstvertrauen«, beschreibt Deselaers ihre Beobachtungen. »Wir achten darauf, auch die Jungs an die Nähmaschinen und die Mädels an die Lötstation zu locken – die Kids erfahren hier ganz ohne Druck, ob sie eine Begabung für bestimmte Bereiche haben. Ihnen dafür Möglichkeiten zu bieten und sie dabei zu begleiten, macht unheimlich viel Spaß!« Oft berichten später Schülerzeitung oder Schuljahrbuch über den Workshop.

Darüberhinaus wurde für Kinder und Lehrer, die nicht teilnehmen konnten, in der Pausenhalle eine Präsentation von Fotos und Texten zum Thema »Reparieren statt Wegwerfen« organisiert. Inzwischen hat das Repair Café Sasel, in Kooperation mit dem LI, »RepairKids« direkt an Schulen im Fachunterricht und bei Wahlkursen, Umwelttagen oder Projektwochen getestet. Mit Erfolg: Angeregt durch die Workshops startete das Carlvon-Ossietzky-Gymnasium 2018 den Aufbau von Hamburgs erstem Schul-Repair-Café.

www.handundwerk-verein.de
www.repaircafe-sasel.de
Kontakt: info@repaircafe-sasel.de (Kristina Deselaers)

Hier findest Du auch weitere Aussagen von ihr zu dem Thema Reparatur-Initiativen und ihren Zugang zum Thema: http://red-aktionsbuero.de/Kristina-Deselaers

Der NDR hat das Pilot-Projekt begleitet. Den Beitrag kann man hier ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=FP1Ech7jwbQ

 

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Steckbrief
Ort: Haan
Gründung Reparatur-Initiative: 10/2012

Häufigkeit: 1 x Monat (konstant)

Wo: Schulgebäude/Technikraum

Träger: Schule

Durchschnittliche Besucherzahl: 7

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 7

Durchschnittliche Reparaturquote: 80%

Team

Organisation: 1
ReparateurInnen pro Termin: ca. 5

Reparateurs-Kontakte insgesamt: relativ feste Gruppe 

HelferInnen pro Termin: 2

Als Gründer der ersten deutschen Realschule gilt der Pädagoge, Theologe und Astronom Christoph Semler, der 1707 die Idee hatte, in seiner »Mathematischen und Technischen Realschule« anschaulichen Unterricht abzuhalten und den jungen Menschen für ihren beruflichen Werdegang notwendige Techniken zu vermitteln. Ganz im Sinne dieses ursprünglichen Realschulgedankens wird der Technikraum der Emil-Barth-Realschule einmal im Monat zum Repair Café. Der erste Impuls dazu entstand bereits Ende 2012 im Rahmen der Technik-AG. Dieses Wahlpflichtfach mit Versetzungsrelevanz ist hier mitnichten das staubige »Werken«, das viele aus ihrer eigenen Schulzeit kennen. Stattdessen sollen Schülerinnen und Schüler für praktische Arbeiten begeistert und ihr grundsätzliches technisches Verständnis gefördert werden. Der Ge- danke, dass man kaputte Geräte aufgrund teilweise simpler Defekte nicht sofort durch neue ersetzen muss, sondern sie oft mit wenig Aufwand wieder einsatzfähig machen kann, ist heute bei jungen Leuten kaum noch präsent. Daher war es erstmal überraschend, als ein Schüler mit der Idee kam: »Wir können ja mal was reparieren.« So fing es an. »Zunächst haben wir uns mit den typischen Dingen befasst, für die früher der Hausmeister zuständig war. Kaputte Stühle, mal ein Tisch, so was«, erzählt Mathias Wunderlich, Lehrer für Technik und Physik. »Heute werden schon wegen kleinster Schäden ansonsten tadellose Gebrauchsgegenstände weggeworfen.« Die Technik-AG nahm sich einer Reihe von herumstehenden, kaputten Stühlen an.

Lehnen wurden angebaut, die Schrauben der Drehhocker ersetzt, Sitzplatten abgeschliffen und neu lackiert. Die Schüler waren von dem schnellen Erfolgserlebnis begeistert. »Man sieht, was man gemacht hat, das ist eben nicht nur ein vollgeschriebenes Blatt Papier.« Um den Effekt nachhaltiger zu gestalten und den Reparatur-Gedanken direkt über das praktische Tun in den Köpfen der Schüler zu verankern, hatte Wunderlich die Idee, aus der Reparatur-Initiative eine Institution zu machen. »Die meisten Eltern unserer Schüler sind aus der ‚Generation schmeiß weg’ – woher sollen die Kinder es also kennen?« Erstaunlicherweise wurden die Jugendlichen durch ihre neuen Kenntnisse nach und nach zu Multiplikatoren. »Wenn ein 12-Jähriger etwas besser kann als seine Eltern – und zwar nicht Zocken am Computer, sondern etwas ganz konkret Praktisches, da kommen die schon mal ins Überlegen.« Für die Jugendlichen ein Erfolgserlebnis, das selbst in denjenigen, die sonst nicht so viel gebacken kriegen, Ehrgeiz entfacht. Auch deshalb richtet sich das Angebot des Repair Cafés nicht mehr ausschließlich an die Lehrer und Schüler der Realschule. Seit Anfang 2013 steht es allen Haaner Bürgerinnen und Bürgern offen. »Wenn die Kids eine alte Dame damit verblüffen, was sie so drauf haben und ihr dabei auch noch helfen, ein kaputtes Radio zu reparieren, das macht die stolz«, so Wunderlich. Dass Technik keine »schwarze Magie« ist, haben die SchülerInnen Schritt für Schritt herausgefunden. »Einer hat einen alten Nintendo aufgeschraubt und erkannt, was kaputt war. Mit vorrätigen Ersatzteilen konnte er das Gerät tatsächlich reparieren.« Als nächstes folgte ein iPod Nano, dessen Reparaturanleitung die Schüler im Internet heruntergeladen hatten. Skeptisch waren zunächst vor allem die anderen Lehrer. Da musste Überzeugungsarbeit geleistet und Durchhaltevermögen bewiesen werden. Einer der Grundsätze des schuleigenen Repair Cafés ist daher, dass es verlässlich genau in der Mitte eines jeden Monats stattfindet. Außerdem gilt bis heute, das Ganze nicht zu groß aufzuziehen. »Wir wollen hier nicht die Stadt versorgen.« Klein und überschaubar soll es bleiben, damit alle, die mitmachen, sich als Teil davon fühlen. »Der ganze‚ Orga-Overhead ist für unsere Initiative überflüssig. Wir beziehen die Leute sehr mit ein. Da kriegt die Oma den Schraubenzieher in die Hand. Es gibt immer eine 1:1 Situation. Wir überlegen gemeinsam, was wir da machen können«, sagt Wunderlich. Damit auch der »Café-Anteil« gegeben ist, gibt es immer Kakao und Kuchen. »Die Fünft- und Sechstklässler, die in der Mittagsbetreuung sind, wuseln nach Schulschluss durchs Haus. Und wenn es was zu futtern gibt, dann kommen die natürlich vorbei. Die werden ja auch älter, bekommen das Fach Technik angeboten und so verbreitet sich das.« An sich ist das Repair Café von 13:30 – 17:00 Uhr geöffnet. »Wir saßen aber auch schon mal um 19:00 noch hier.« Wenn Schule das kann, dann ist es wohl tatsächlich »reale Bildung« in ihrer besten Form.

Das Repair Café an der Emil-Barth-Realschule war ein Projekt der Technik-AG von Oktober 2012 bis Juni 2015. Aktuell finden keine Veranstaltungen statt.

 

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Steckbrief
Ort: Wülfrath
Gründung: Dezember 2015
Häufigkeit: 1 x pro Monat
Treffpunkt: Makerspace der Schule
Träger: Schule
Besucherzahl: 7-12
Gegenstände: 10
Reparaturquote: 70 %

Team
Organisation: 3-4
ReparateurInnen pro Termin: 6-8
ReparateurInnen insgesamt: 15
HelferInnen pro Termin: 3-4


Immer mehr Schulen entdecken heute, wie gut sich das Zerlegen und Reparieren von  Haushaltsmaschinen oder auch Elektro- und Elektronikgeräten eignet, um technische und physikalische Vorgänge und Funktionsweisen zu verstehen. Von der Grund- bis zur Berufsschule besuchen SchülerInnen Repair Cafés, reparieren gemeinsam an Projekttagen und in Technik-AGs oder organisieren selbst Reparaturveranstaltungen. Die jungen Menschen erleben so, dass kaputte Geräte nicht schon bei simplen Defekten durch neue ersetzt werden müssen, sondern dass sie, häufig mit nur geringem Aufwand, wieder funktionsfähig gemacht werden können. Gleichzeitig erproben die SchülerInnen handwerkliche Fähigkeiten, entwickeln technisches Verständnis und begeistern sich für praktische Arbeiten. »Man sieht, was man gemacht hat. Das ist eben nicht nur ein vollgeschriebenes Blatt Papier«, sagt Technik-Lehrer Mathias Wunderlich. Er begleitete 2012 die Entstehung des schuleigenen Repair Cafés an der Emil-Barth-Realschule im nordrhein-westfälischen Haan, zu diesem Zeitpunkt ein  Leuchtturmprojekt in der Schullandschaft. Mit dieser Erfahrung im Gepäck wechselte Wunderlich an seine heutige Wirkungsstätte, die Freie Aktive Schule Wülfrath (FASW). Dort stieß er mit dem Thema Reparieren auf offene Ohren und
konnte Kollegium und  Schülerschaft davon überzeugen, ein schuleigenes Repair Café auf die Beine zu stellen. Nach kurzer Anlaufzeit formierte sich eine Gruppe aus SchülerInnen und
Eltern, die seitdem gemeinsam einen monatlichen Reparatur-Nachmittag organisieren, der von BesucherInnen aus dem Schulumfeld, aber auch von  außerhalb genutzt wird.
Als Privatschule und  Elterninitiative hat die FASW einige Freiheiten, was die inhaltliche Gestaltung des Unterrichts anbelangt, und kann für außerunterrichtliche Aktivitäten zudem auf die Mithilfe und Unterstützung aus dem Kreis der Elternschaft zählen. Neben den Eltern-Arbeitsgruppen »Garten« oder »Schulfeste« gibt es nun auch eine Arbeitsgruppe »Repair Café«. Diese kümmert sich in Absprache mit der Schulleitung um die Organisation, die Zeiteinteilung der ReparateurInnen und HelferInnen
und – ganz wichtig – um die Kuchenversorgung am Reparaturtag. Das Repair Café an der FASW findet im schuleigenen Makerspace statt, dessen Räume und Infrastruktur sich perfekt dafür eignen. Mathias Wunderlich begann den Makerspace seit seinem Wechsel an die Schule aufzubauen, im Mai 2017 feierte er offiziell Einweihung. Mit dem Makerspace ist ein Ort entstanden, der für SchülerInnen, Eltern und Kollegium jederzeit zugänglich ist, um handwerkliche und technische Projekte umzusetzen und Maschinen wie 3D-Drucker, Lasercutter oder Schweißgeräte zu nutzen. Mathias Wunderlich, engagierter Betreuer und selbst begeisterter Maker, lädt KollegInnen anderer Schulen nach Wülfrath ein, um sich vor Ort ein Bild von den Praxisprojekten der FASW zu verschaffen. Er findet die Bedeutung des Selbermachens und handwerklich-technischen Tätigseins essentiell für unsere gesellschaftliche Zukunft. »Wer repariert in 20, 30 Jahren den defekten Wasserabfluss in meiner Küche, wenn ich es selbst nicht mehr kann und wir unseren Kindern nicht mehr beibringen, ihre Hände zu benutzen?« Projekte, die an der FASW durch elterliche Finanzierung und zeitliches Engagement möglich sind, wünscht er sich auch für Regelschulen. Die Verantwortung, dafür Stellen einzurichten, sieht er bei der Politik. »Es müssen ja nicht zwangsläufig Lehrpersonen mit Staatsexamen sein, die vor Ort ein Reparaturcafé oder einen Makerspace aufbauen und betreuen.« Und selbst wenn aus logistischen Gründen ein Makerspace nicht an jeder Schule realisierbar sein sollte, sind auch mobile Konzepte denkbar. Kreativität ist gefragt, nicht nur beim Reparieren, sondern auch beim Planen undGestalten von Lehrplänen und Lernumgebung – und damit der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

http://www.fasw.de
Kontakt: repaircafe [at] fasw.de
 

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Steckbrief
Ort: Starnberg
Gründung Reparatur-Initiative: Okt 2014
Häufigkeit: jeden 2. Samstag im Monat
Wo: Seniorentreff Starnberg, im Haus der Ilse-Kubaschewski-Stiftung
Träger: Seniorentreff Starnberg, Einrichtung des Caritasverbands Starnberg e.V., Stadt Starnberg
Durchschnittliche Besucherzahl: 50

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 55
Durchschnittliche Reparaturquote: 50% sofort

Team

Organisation: 4

ReparateurInnen pro Termin: 15

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 35

HelferInnen pro Termin: ca. 5


Bei einem Werkstattgespräch »Seniorenbüros und neue sozial-ökologische Initiativen - wie gestalten sie die Bürgergesellschaft?« wurde großes Interesse an Reparatur-Initiativen deutlich als Engagement-Feld für ältere Menschen, die sich aktiv und produktiv einbringen wollen. »Wir werden das unterstützen, das Thema stärker promoten und über unsere Kanäle auf die Materialien und das Netzwerk www.reparatur-initiativen.de hinweisen. Es ist toll, dass hier Seniorinnen und Senioren die Treiber einer neuen sozialen Bewegung sind«, erzählt Gabriela Hinn, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. (BaS). Das Repair Café des Seniorentreffs Starnberg, eine Initiative, die von Senioren ins Leben gerufen wurde und fast zu 100 Prozent aus ihnen besteht, liegt dabei ganz auf ihrer Linie. »Senioren werden bei uns ja oft unterschätzt, dabei sind viele ältere Menschen hochmotiviert, produktiv und voller Tatendrang«, so der Leiter des Seniorentreffs. »Es ist ja auch eine absolute Verschwendung, das Erfahrungswissen der älteren Generation für die Gesellschaft nicht abzurufen.« Aus dieser Motivation heraus kam eines Tages Hans Peter Stoehrel auf die Einrichtung zu, er hatte zuvor an anderen Veranstaltungen des Seniorentreffs teilgenommen. »Er war beim Italienischkurs, in der Motorradgruppe – und jetzt hatte er eine eigene Idee, für die er mich als eine Art Multiplikator gewinnen wollte.« Der Leiter des Seniorentreffs war dann auch gleich begeistert. Im März 2014 stellten sie einen Aufruf für die Reparaturveranstaltung in die Zeitschrift des Seniorentreffs, auf den sich 30 Interessierte meldeten.
Nach vielen Vorbereitungen wurde das erste Starnberger Repair Café im Oktober 2014 ein voller Erfolg. Repariert wurde alles, vom Super-8-Projektor über Kaffeemaschinen bis hin zu einem alten Röhrenradio. »Als der Reparateur diesem nach einer Rauchwolke wieder Musik entlocken konnte, erhielt er von allen Anwesenden begeisterten Beifall«, erzählt Initiator Stoehrel. Die Reparaturen sind kostenlos, nur Ersatzteile müssen bezahlt werden. In der Cafeteria gibt es dazu ebenso kostenlos Kaffee und Kuchen. »Wer will und kann, bringt Kuchen mit – und wenn’s nicht reicht, holen wir
eben was vom Bäcker nebenan.« Dabei bleiben die SeniorInnen nicht unter sich. »Inzwischen kommen regelmäßig etwa 40-60 Besucher zu jedem Termin, einmal mussten wir wegen Überfüllung zeitweise schließen«, sagt Stoehrel mit sichtbarem Stolz. Die Aufträge werden an einer Tafel gesammelt und die Reparateure suchen sich aus, was sie machen können und wollen. Das wichtigste aber ist, dass es bei den Veranstaltungen nur in zweiter Linie ums Reparieren geht. »Was wir erreichen wollen, ist Gemeinschaft und Kommunikation. Manchen Besuchern des Seniorentreffs fällt es schwer, einfach hereinzukommen und ein Gespräch überein x-beliebiges Thema zu beginnen. Im Repair Café dagegen hat man ein Problem mit einem Gerät oder einem ärgerlichen Defekt und so kommt man ins Reden«, erzählt Stoehrel.
Meist wird hier in Teams von zwei oder drei Leuten gearbeitet. Nur selten tüftelt mal einer allein an etwas herum – und gemeinsam entstehen oft die kreativsten Reparaturideen und Lösungen. So herrscht ein freundschaftliches Arbeitsklima. Spaß während des Reparierens und der nette Austausch mit den BesucherInnen tun ihr übriges. »Natürlich ist nicht alles immer nur toll. Es gibt zum Beispiel auch Abstauber, Leute also die sich sehr wohl eine Reparatur leisten könnten und dann 1-Cent-Stücke in die Spendendose werfen. Die ernten nur - aber säen nicht.« Etwas finanzielle Unterstützung braucht es, trotz der ehrenamtlichen Mitarbeit aller Beteiligten. Für Flyer, Plakate oder auch den Werbebanner am Stadteingang, der monatlich 25 € kostet. Mittlerweile engagieren sich nicht nur Mitglieder des Seniorentreffs, sondern es konnte auch begeisterter Nachwuchs gewonnen werden. Daneben hilft regelmäßig ein syrisches Schneiderehepaar bei Näharbeiten. Außerdem wird hier Asylsuchenden geholfen, beispielsweise indem Fahrräder repariert werden.
http://www.seniorentreff-starnberg.de
Kontakt: info@seniorentreff-starnberg.de

 

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Steckbrief
Ort: Diverse Tirol
Erstes Reparatur-Café: 08.03.2014
Anzahl an Repair Cafés 2018: 48 Orte in 5 RegionenHäufigkeit: Einmal im Monat pro RegionWo: je nach Veranstalter (Bürohaus, Flüchtlingsheim, Open Air, Schulen, Cafés...)
Durchschnittliche Besucherzahl: 120

Geräte pro Termin: 30 - 130
Durchschnittliche Reparaturquote: 55 – 60 %

Team
Koordinierungsstelle: 1
OrganisatorInnen vor Ort gesamt: ca. 100
Organisations-Helfer vor Ort gesamt: 200

ReparateurInnen pro Termin: ca. 12

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 500

Zusätzliche HelferInnen pro Termin: 6 - 10


Das erste Tiroler Repair Café entstand im Frühjahr 2014, als in einer »Erwachsenenschule« - einer von 100 ehrenamtlichen Bildungseinrichtungen unter dem Dachverband des Tiroler Bildungsforums - nach neuen Themen gesucht wurde. In diesen, mit den deutschen Volkshochschulen vergleichbaren Einrichtungen, werden niederschwellige Angebote für die Dorfbevölkerung offeriert. »Turnen, Computerkurse, Kochkurse, so was eben«, sagt Michaela Brötz, von der die Ursprungsidee zu einer Reparatur- Veranstaltung stammt. Margarete Ringler, Chefin des Bildungsforums, fand die Idee so gut, dass das Konzept von Anfang an offen formuliert wurde – eine Vision für das gesamte Tiroler Land. Auch der Landeshauptmann, der Ministerpräsident also, war ein großer Fan des Projekts. »Er hat an jeden Bürgermeister der in Frage kommenden Ortschaften geschrieben:‚Ist zu unterstützen.’ Wenn einer das so von oben sagt, dann funktioniert es auch«, so Michaela Brötz. Warum es aber in so kurzer Zeit derart gut funktioniert hat und aus einem ersten Repair Café in nur 14 Monaten 24 weitere entstanden, mit steigender Tendenz und der überragenden Resonanz von insgesamt 5000 Besuchern, 2100 Reparaturen und 350 ehrenamtlichen Helfern, kann sie sich auch nicht ganz erklären. »Die Tiroler sind ja an sich ausgesprochene Sturschädel.« Vielleicht gerade deshalb. Geholfen hat sicherlich die flächendeckende und begeisterte mediale Begleitung, von TV-Beiträgen über Printmedien oder das Radio. »So haben wir die Leute auch in den entlegenen Regionen erreicht.« Weiterhin hilft es sicher, dass das Tiroler Bildungsforum die Haftung übernimmt - eine Frage, die viele Veranstalter schreckt - und auch sonst unterstützend zur Seite steht. Ein Anruf mit Terminankündigung genügt und der Veranstalter bekommt alle notwendigen Unterlagen und Informationen. Zudem wird die Veranstaltung auf der Homepage des Vereins und in diversen Foren beworben, sowie die Flyer zentral vom Verein gestaltet und gedruckt, um den Einstieg zu erleichtern. Michaela Brötz, die heute die Koordination der Tiroler Repair Cafés übernommen hat, rät den Veranstaltern, die Initiativen lieber seltener anzubieten, sie dann aber als »Event« aufzuziehen. In fünf Tiroler Regionen findet pro Region und Monat etwa ein Repair Café statt. Kontinuität ohne Überangebot. Das kommt bei der Bevölkerung gut an und viele sind bereit, mitzuhelfen. »Wenn der Veranstalter einen Aufruf startet, dass er sieben Bleche Kuchen braucht, dann sind die da.« Repair Cafés mit bis zu 200 Besuchern und 130 Reparaturen pro Veranstaltung sind keine Seltenheit. »Auf dem Land ist die Bevölkerung häufig so 60 plus. Die kennen das Reparieren aus ihrer Kindheit.« Auch die ehrenamtlichen Reparateure sind motiviert. »Vom Firmenchef über den Hobbybastler bis hin zu Geflüchteten mit handwerklichem Geschick ist alles dabei«, so Brötz. Dabei ist ihr eher unwichtig, wer die Leute sind, die zu den Veranstaltungen kommen oder diese durchführen. Erwachsenenschulen, Einzelpersonen, Caritas, die Grünen, die Stadtwerke oder auch das ITSyndikat in Innsbruck. Mittlerweile hat die Idee des gemeinsamen Reparierens in Tirol weite Kreise gezogen: So nahm beispielsweise die Handelsakademie Innsbruck vor einiger Zeit sogar das Fach »Nachhaltigkeit« in die Lehrpläne auf und veranstaltet in diesem Kontext ein eigenes Repair Café.
 
http://www.repaircafe-tirol.at
Kontakt: repaircafe@tsn.at
Ansprechpartnerin: Michaela Brötz


 

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Steckbrief Freiburg
Gründung Reparatur-Initiative: Mai 2014
Häufigkeit: 2x im Monat
Wo: Quartierstreff, FreiLab
Träger: fluide
Durchschnittliche BesucherInnenzahl: 20-30

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 20-40
Reparaturquote: 70%

Team

Organisation: 5-10

ReparateurInnen pro Termin: 4-8

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 14

HelferInnen pro Termin: 3

»Es gibt viel Leerstand, aber wenige Gönner.«
Janis Schiffner

Steckbrief Bayreuth
Gründung Reparatur-Initiative:  2015
Häufigkeit: 1x pro Woche
Wo: TransitionHaus Bayreuth
Träger: TransitionHaus Bayreuth e.V.
Durchschnittliche Besucherzahl:
5-6

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 3-5
Durchschnittliche Reparaturquote: ca. 60%

Team

Organisation: 4

ReparateurInnen pro Termin: 3-4

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 5

HelferInnen pro Termin: 1-2

»Transition Town«, das steht für »Stadt im Wandel«. Die aus der Nachhaltigkeitsbewegung Gentstandene Initiative will Städte und Gemeinden lokal verändern, um sich aktiv auf zukünftigen Roh- und Treibstoffmangel vorzubereiten. Permakultur, regionalesWirtschaften und Gemeinschaft sind dabei die Grundpfeiler. Auch Repair Cafés haben durchaus Schnittstellen zur Transition Town Bewegung, sind sie doch eine konsequente Antwort auf Ressourcenausbeutung und wachsende Müllberge.

Das Repair Café in Freiburg war 2013 eine von vielen Ideen bei einer Zukunftswerkstatt von Transition Town. Schnell bildete sich eine Projektgruppe. »Es war uns wichtig, uns mit anderen zu vernetzen. Der Chaos Computer Club hatte schon mal etwas Ähnliches veranstaltet. Wir haben uns zusammengesetzt und dabei gemeinsame Interessen gefunden«, erzählt Hannes Steinhilber, Vorstandsmitglied bei »Transition Town Freiburg«. Ähnlich war es mit dem Leiter der AWO-Seniorenwohnund Begegnungsstätte »Im Grün« in der Freiburger Innenstadt, der durch Vernetzung der anstiftung dazukam, Räume zur Verfügung stellte und so Gründungsmitglied wurde. Das Netzwerk wuchs organisch und die Reparatur-Initiative wurde zum Andockpunkt für neue Projekt-Ideen. »Eine Person wollte zum Beispiel ein Nähcafé gründen, dabei haben wir sie unterstützt.« Oder das »Holzcafé« im Stadtteil Weingarten. »Wir haben festgestellt, dass für mechanische Reparaturen anderes Werkzeug benötigt wird.« Auf der Suche danach ergab sich durch die breite Vernetzung der Kontakt mit dem »Forum Weingarten e.V.«, einem Verein, der sich für Stadtteilentwicklung einsetzt und über eine Holzwerkstatt verfügt. Aus der Expansion in andere Stadtteile und einer Dezentralisierung der Reparatur-Aktivitäten ist zudem der »Repair Carl« entstanden, ein Fahrrad-Anhänger, der als eine Art Miniatur-Werkstatt für mobile Reparatur-Veranstaltungen konzipiert wurde. Ausgestattet mit einer Werkzeuggrundausrüstung, kann er mit wenigen Handgriffen zur Reparatur- Station umgebaut werden. Dabei ist der »Repair Carl« als Open-Source, bzw. Open-Hardware konzipiert. Die Idee und die Bauanleitung werden zur Nachahmung und ggfs. Weiterentwicklung zur Verfügung gestellt. Das Repair Café Freiburg ist heute fester Bestandteil des städtischen Wandels – und auch an anderen Orten entstehen zunehmend Initiativen für urbanes Umdenken.

Angefangen hat alles mit der Entscheidung, in Bayreuth zu bleiben. In der Stadt, in der man lebt, sollte es die Orte geben, die man sich wünscht, dachte Janis Schiffner, Student und Visionär. Und wenn es diese Orte nicht gibt? Muss man sie eben selbst schaffen. Die ursprüngliche Idee, ein Repair Café zu gründen, entstand im Herbst 2015. Damals waren verschiedene alternative Initiativen auf der Suche nach Räumlichkeiten. Der Gedanke, sich zusammenzutun und mit einem »Transition Haus« einen Ort der Veränderung zu schaffen, hat alle begeistert. Mit Unterstützung einer Vermieterin, die ihr leerstehendes Haus zur Verfügung stellte, wurde das Vorhaben an einem Wochenende »hausprobiert«. »Es gab die verschiedensten Veranstaltungen, von Upcycling über gemeinsames Kochen bis hin zu einem Konzert oder auch Werkstätten.« Gemeinsam mit drei Gleichgesinnten setzte Janis Schiffner die Idee eines Reparaturcafés in den daraufhin für drei Monate geförderten Räumen um. Danach musste für alle Initiativen ein neues Haus zur Zwischennutzung gefunden werden. Die Suche gestaltete sich nicht einfach, auch weil das zum Teil studentische Team ein zentral gelegenes Objekt suchte. »Wir wollen die Durchmischung. Hätten wir ein Haus in Uni-Nähe gesucht, wären wir nur unter uns geblieben«, erzählt Janis Schiffner. Das TransitionHaus sollte von Anfang an ein Ort für alle Bayreuther sein. Das ist mit ihrem aktuellen Objekt auch gelungen, besonders in den Werkstätten und dem gemeinschaftlich organisierten und ehrenamtlich geführten Café. Dieses ist – wie alle anderen Aktionen des TransitionHauses – »geldzwangfrei«. Jeder kann sich hier aufhalten, auch ohne etwas zu konsumieren.

Im Juni 2018 wird das aktuelle Haus jedoch kernsaniert. Ein neues Objekt zu finden wird eine Herausforderung. Bislang haben die Organisatoren wenig Kontakt zur Stadt gesucht, doch das soll sich jetzt ändern. »Wir mussten erstmal beweisen, dass wir vertrauenswürdig sind und nicht irgendein chaotischer Haufen, der einfach nur keine Miete zahlen will.« Dieser nächste Schritt kostet viel Zeit und Energie. »Im Moment treffen wir uns fast jeden Abend.« Ihr gemeinsamer Traum ist, für das nächste Objekt raus aus der Zwischennutzung zu kommen. »Dann könnten wir auch das Reparaturcafé und die anderen Werkstätten größer aufziehen und zum Beispiel als Offene Werkstatt einrichten.« Erste Kontakte mit der politischen Führung gab es bereits. Die Regierungspräsidentin war zur Eröffnung des jetzigen Hauses zugegen und auch ein Stadtrat kam im Reparaturcafé vorbei. »Ihm konnten wir eine Massagematratze reparieren«, erzählt Janis Schiffner. Bleibt zu hoffen, dass ein derart entspannter Politiker die nötigen Hebel in Bewegung setzen wird, dem TransitionHaus Bayreuth eine permanente Bleibe zu verschaffen.

http://www.reparaturcafe-freiburg.de/
Kontakt: info at reparaturcafe-freiburg punkt de

Repair Carl
http://ttfreiburg.de/2014/11/repaircarl-der-clevere-anhaenger-fuer-reparatur-cafes/

http://www.transition-bayreuth.de/die-initiativen/reparaturcafe/Kontakt: reparaturcafe@transition-bayreuth.de
 
 

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Steckbrief
Ort: Köln
Gründung: April 2010

Häufigkeit: alle 2 Monate

Wo: eigene Räume/Werkstätten
Träger: Dingfabrik e.V.

Durchschnittliche Besucherzahl: schwankt zw. 20 und 60

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 50

Durchschnittliche Reparaturquote: 50%-80%

Team
Organisation: 3

ReparateurInnen pro Termin: ca. 8

Reparateurs-Kontakte insgesamt: 15

HelferInnen pro Termin: 3-8

Das Grundprinzip von Offenen Werkstätten ist, dass sie allen zur Verfügung stehen, die handwerklich oder künstlerisch in Eigenarbeit aktiv sein wollen. So auch die „Dingfabrik“ in Köln, die in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen feiert. Eine erstaunliche Leistung, denn die inzwischen fast 140 Mitglieder starke Werkstatt finanzierte sich von Anfang an selbst, ohne Förder- oder Sponsorengelder. „Dadurch sind wir autark und können machen, was wir wollen.“ sagt Martin Wisniowski, einer der Initiatoren. Diese Unabhängigkeit ist die wichtigste Prämisse. Müssen größere Dinge angeschafft werden, wird ein internes Crowdfunding betrieben und auch die Organisation ruht auf den Schultern aller. Durch das gemeinsame Engagement gelingt es, die Kosten gering zu halten.

Die Multi-Werkstatt, gleichermaßen FabLab, Holz- und Elektronik-Werkstatt, ist dennoch für alle Bedürfnisse ideal ausgestattet. „Von Origami-Falten bis Lasercutter selber bauen werden hier die unterschiedlichsten Projekte umgesetzt.“ so Wisniowski. Im Frühjahr 2012 hatten einige Mitglieder die Idee, ein Repair Café zu veranstalten. „Das Konzept passte perfekt zur Dingfabrik.“ erzählt er weiter. Das Publikum hielt sich anfangs in Grenzen. Bei der zweiten Veranstaltung war das Interesse dann schon deutlich größer. Im „SolutionSpace, einem zentral gelegenen Co-Working-Space kam erst jede Menge ‚Laufkundschaft’ – und dann folgten die Medien. „Das war schon witzig, wenn sich da die Filmteams auf den Füßen rumstanden“, erinnert sich Martin Wisniowski.

Der SolutionSpace wurde schon bald zu klein, und so wurde das Repair Café in die Dingfabrik verlegt. „Das Werkzeug hatten wir ja schon, das war ideal.“ Obwohl die Dingfabrik damals noch etwas außerhalb lag, war die Veranstaltung extrem erfolgreich. Zu Rekordzeiten kamen bis zu 120 Reparaturwillige an einem Nachmittag. Mit dem Umzug nach Köln-Nippes wuchs auch die Dingfabrik, wobei permanent weiter am Konzept gefeilt wurde. „Auch das ist typisch für uns. Es gibt hier keinen steuernden Kopf.“ Neben der Kommunikation über eine interne Mailingliste treffen sich die Mitglieder alle 14 Tage im Plenum, in dem alle Dingfabrik-Themen gemeinsam besprochen werden. „Es finden sich immer Leute, die ein Projekt auch umsetzen. Das ist unser Geheimnis – wir belassen es nicht beim Reden.“ Nach den Reparatur-Events wurde immer eine kurze Auswertung vorgenommen. So entstanden nach und nach Strukturen, die jedoch nicht in Stein gemeißelt sind. „Wir hatten zum Beispiel mal eine Mailingliste, damit die BesucherInnen im Vorfeld Anfragen schicken und Reparaturtipps einholen konnten. Es kamen aber derart viele Anfragen, dass wir die wieder abstellen mussten. Es kommen oft wenig technikaffine Leute, da muss man dann quasi bei Adam und Eva anfangen.“ erzählt Wisniowski. Immer mehr Menschen standen bei den Reparateuren Schlange. „Die haben dann erwartet: Wenn ich hier stehe, muss das auch repariert werden.“ Irgendwann stellten sich die Mitglieder die Frage, ob das noch zum Konzept der selbstverwalteten und vom Engagement und Macherdrang lebenden Dingfabrik passte. „Wir wollten ja keine Dienstleister werden.“ So wurde das Konzept erneut überdacht: Erst mal selbst aufschrauben und eigenständig versuchen, weiter zu kommen – und dann erst um Hilfe bitten. „Das hängt natürlich stark von den Besuchern und ihrer Bereitschaft ab. Einige kommen mit der Idee: Ich bringe meinen 10-Euro-CD-Player, und ihr seid die Dummen, die den kostenlos reparieren. Solche Leute kommen dann aber meist nicht wieder“, führt Wisniowski weiter aus. „Wir sind immer am überprüfen und ändern: Laptops zum Beispiel verschlingen zum Öffnen immer sehr viel Zeit, aber auch Drucker oder billige Kompaktanlagen sind echte Nüsse.“ Deshalb wird nun anderen Dingen, die leichter und interessanter zu reparieren sind, meist Vorzug geben. Der Lerneffekt begeistert Besucher und Mitglieder gleichermaßen.

Aus den Repair Cafés sind weitere Veranstaltungen mit speziellem Fokus entstanden. Spielzeug-Reparatur-Tage für Eltern und Kinder oder schnelle mobile Events im Kölner Zoo, in der Bibliothek, der Innenstadt oder dem Urban Gardening-Projekt „Neuland“. „Das Tolle ist, durch unsere unterschiedlichen Kompetenzen haben wir ganz verschiedene Expertisen. So können wir auch die verrücktesten Probleme lösen“, so Martin Wisniowski. Die Dingfabrik wächst beständig – das wahre Geheimnis: Viele flexible Köpfe, die in maximaler Freiheit gemeinsam nach neuen Wegen suchen.

www.dingfabrik.de

 


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Steckbrief
Ort: Kempten / Allgäu
Gründung Reparatur-Initiative: 2002 (Revival Monat 06/2013)
Häufigkeit: alle zwei Monate
Wo: Eigene Räumlichkeiten
Werkstätten
Träger: Kempodium e.V.
Durchschnittliche Besucherzahl: 70

Durchschnittliche Anzahl Gegenstände: 60 (90% Elektro)
Reparaturquote: 50%

Team
Organisation: 1
ReparateurInnen pro Termin: ca. 10
Reparateure im Pool: 30
Zusätzliche HelferInnen pro Termin: 5

Der im Jahr 2000 gegründete gemeinnützige Verein „Kempodium e.V.“ ist kein Ort für schnelle Trends. Von Anfang an war klar, dass es hier um Grundsätzliches geht. Reparatur, Abfallvermeidung und Konsumsensibilisierung waren und sind konzeptioneller und vor allem gelebter Bestandteil des Hauses. Eben nicht nur Information, sondern „mächlern“, wie der Allgäuer sagen würde.

Von Reparatur-Initiativen als einem Novum zu sprechen, käme Ingrid Reinecke daher nicht in den Sinn. „Schon 2002 wurden hier die ersten Reparaturtage organisiert – sehr ähnlich den heutigen Repair Cafés“, erinnert sich die ehemalige Leiterin des Hauses. „Ich hatte es damals übernommen, die ortsansässigen Fachleute anzuwerben, was am Anfang nicht einfach war. Alle wollten nur verkaufen und fanden die Idee, gemeinsam zu reparieren erst nach einiger Überzeugungsarbeit sinnvoll.“ Irgendwann rief dann ein Elektriker an: „Wissen S’ was – ich mach da mal mit.“ Die schiere Neugier, ob sowas wohl im Allgäu funktionieren könnte, ob da wirklich Leute kämen und Spaß dran hätten gemeinsam zu reparieren, überwog schließlich und das Experiment Reparaturtag konnte starten. Aus Skeptikern wurden überzeugte „Mit-Mächler“. Gerade an diese anfängliche Pionier-Arbeit erinnert sich Reinecke als an eine Art „Aufblühprozess“. Durch die positive Resonanz der BesucherInnen ging es mit einem Mal nicht mehr darum, Kunden zu akquirieren, sondern tatsächlich ganz im Sinne der Philosophie des Hauses primär ums Reparieren. Im Schulterschluss mit vielen Verbänden und Vereinen wurden Reparaturtage zu großen Events für jung und alt. „Es war viel los damals“, erzählt Reinecke. „Das hatte eine wahnsinnige Dynamik“. Schuhmacher, Sattler, Polsterer, Messerschleifer, Parkett- oder Teppichreparatur: Allein die mitgebrachten Werkzeuge der verschiedenen Handwerke in Aktion zu sehen, war für viele eine Attraktion. Im Gegensatz zu heute reparierten in der Anfangszeit ausschließlich Fachleute. Expertentum wurde groß geschrieben und BesucherInnen legten nur selten selbst Hand an. Das hat sich verändert. Heute reparieren alle gemeinsam. Was als Idee begann, ist zu einem funktionierenden, dynamischen Gesamtkonzept gewachsen. Heute gibt es neben den Offenen Werkstätten, Kurs- und Selbermachangeboten, Kooperationen mit Schulen und eigenen Bildungsprogrammen auch das Secondhand-Kaufhaus „Allerhand“ und viele regelmäßig stattfindende größere und kleine Veranstaltungen.
Wenn andere Repair Cafés als Neuerfindung preisen, können die Allgäuer Pioniere nur lachen – gemeinsam Reparieren gehört bei den MächlerInnen vom Kempodium schon lange zum Programm.

www.kempodium.de

Aktuell finden keine Repair-Café-Veranstaltungen im Kempodium statt.

 


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Steckbrief
Ort: Wernigerode
Gründung: Mai 2016
Häufigkeit: 7-8 x pro Jahr
Treffpunkt: Werkstatt der Oskar Kämmer Schule
Träger: Organisation AG Nachhaltige HS Harz
Besucherzahl: 25-30
Gegenstände: ca. 27
Reparaturquote: 43 %

Team
Organisation: 2-3
ReparateurInnen pro Termin: 7-11
ReparateurInnen insgesamt: 19
HelferInnen pro Termin: 6-8


Die AG »Nachhaltige Hochschule Harz« hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nachhaltigkeit in die Lehre mit einzubeziehen. »In unseren Augen haben Hochschulen nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die häufig viel zu wenig wahrgenommen wird«, sagt Jeannette Israel-Schart, Mitarbeiterin für Qualitäts- und Umweltmanagement der Hochschule Harz und Initiatorin des Repair Café Wernigerode. Diese Verantwortung nimmt die AG, bestehend aus dem Rektor der Hochschule, sowie MitarbeiterInnen, Lehrkräften und Studierenden, sehr ernst. Projekte versanden hier nicht in endlosen Diskussionen, sondern werden sehr schnell in die Praxis umgesetzt – von einem Insektenhotel, über Wasserspender bis hin zu drei Bienenvölkern, die den leckeren »Campushonig« liefern. »Wichtig ist uns, dass die Aktionen Spaß machen und eher beiläufig daran gekoppelt sind, warum wir das machen.« Eine Kleidertauschparty zum Beispiel, bei der die Weltreise einer Jeans veranschaulicht wird, oder eine Kaffeebecheraktion, bei der alle Studierenden, die eine eigene Tasse mitbringen, von der AG einen Kaffee gesponsort bekommen und damit auf den hohen Verbrauch von to-go-Bechern aufmerksam gemacht wird.
»Der Gedanke, ein Repair Café zuveranstalten, hat über ein Jahr in mir gebrodelt«, erzählt Jeannette Israel-Schart. In Vorträgen und auf verschiedenen Veranstaltungen, wie dem Leipziger Heldenmarkt, begegnete ihr das Thema immer wieder. Doch erst als ein Hochschul-Professor für Elektro- und Labortechnik ihr anhand eines defekten Bildschirms zeigte, wie leicht es geht, Dinge zu reparieren, entschied sie sich, es einfach zu tun. Sie trommelte eine kleine Projektgruppe mit einem Studierenden und einem Professor zusammen und gemeinsam veranstalteten sie die ersten beiden Repair Cafés in einer Studentenkneipe, in der Hoffnung, dass die Stadt ihnen zukünftig einen Raum zur Verfügung stellen würde. »Es war von Anfang an der Plan, die Stadt und die Bürger mit einzubeziehen. Das Repair Café geht ja über den reinen Bildungsauftrag der Hochschule hinaus und sollte etwasfür die gesamte Region sein.« Die ersten Termine waren ein voller Erfolg und wenig später rief die Umweltbeauftragte der Stadt Wernigerode bei Jeannette Israel-Schart an und schlug ihr vor, sich mit dem Schulleiter der Oskar Kämmerer Schule in Verbindung zu setzen. Dieser sagte sogleich zu, die Repair Cafés in der schulinternen Werkstatt zu veranstalten. Nachdem nach anfänglicher Bekanntmachung die Nachmittage mit 30 bis 40 Besuchern stets übervoll waren und die Reparatursuchenden lange warten mussten oder schnell abgefertigt wurden, verringerten Jeannette Israel-Schart und ihr Team die Bewerbung für das Repair Café. Seitdem hat sich die Zahl der Gäste etwas reduziert – und der Spaßfaktor erhöht. Die Reparaturnachmittage leben von den BürgerInnen und haben vor allem einen hohen sozialen Faktor. »Gerade viele ältere Leute kommen so gerne zu uns, dass man das Gefühl hat, sie suchen in ihren Kellern geradezu nach irgendetwas, das man reparieren kann, nur um wiederzukommen.«
Neben dem Repair Café hat die AG weitere Projekte für Studierende im Rahmen ihrer Lehrveranstaltungen angeschoben. So ist beispielsweise die Idee zu einer hochschulinternen »Bastlerstube« für Laptops und Smartphones entstanden, in der versierte StudentInnen ihre KommilitonInnen bei der Reparatur ihrer defekten Geräte unterstützen und dabei zugleich auch Hintergrundinformationen mit einfließen lassen. Die erste »Bastlerstube« wird im Rahmen der jährlichen »Nachhaltigkeitswoche« stattfinden. »Die Professoren sind froh, wenn wir tolle Projekte für die Studierenden anstoßen«, erzählt Jeannette Israel-Schart. Ein weiteres erfolgreiches Projekt waren die »Alltagshelden« – eine Poster-Aktion, für die Studierende verschiedene Helden des Alltags ersannen und gestalteten: u.a. den Beamer-Ausschalter, den Wassersparhelden, den Regionalesser, den Mehrwegbecherhelden und eben den Reparaturhelden. Der ziert heute Postkarten, die im Rahmen des Repair Cafés, aber auch hochschulintern ausgelegt werden, um Studierende und Lehrende gleichermaßen daran zu erinnern, dass der Bildungsauftrag das eine ist, der gesellschaftliche Auftrag jedoch ebenso wichtig und unterstützenswert.

www.reparatur-initiativen.de/repair-cafe-wernigerode

repaircafe-wernigerode@posteo.de

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Steckbrief
Ort: Leipzig
Gründung: 2014
Häufigkeit: 3 x pro Woche
Treffpunkt: Café kaputt (eigene Räume)
Träger: leben.lernen.leipzig e.V.
Besucherzahl: ca. 20 pro Woche
Gegenstände: 20-25 pro Woche
Reparaturquote: 70-80%
Team
Organisation: 3-5
ReparaturhelferInnen pro Termin: 2-5ReparaturhelferInnen insgesamt: ca. 20
HelferInnen pro Termin: 1-2

»Das Café kaputt war von Anfang an als Bildungsprojekt gedacht«, erzählt Lisa Kuhley, eine von zwei Gründerinnen und inzwischen Hauptverantwortliche für das Leipziger Reparaturcafé. Neben den drei Mal wöchentlich stattfindenden »Reparatursprechstunden « ist das »Café kaputt« vor allem Vernetzungspunkt von Reparatur-Initiative und Umweltbildung. »Es laufen so viele Dinge schief in der Welt und unserem Wirtschaftssystem, da braucht es Gegenentwürfe.« Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, ist für Lisa Kuhley essentiell, ebenso wie das Zusammenbringen von Menschen verschiedenster Herkunft und unterschiedlichsten Bildungsniveaus. »Wir freuen uns, wenn wir eben auch Menschen erreichen, die keinen bildungsbürgerlichen oder akademischen Hintergrund haben. Vielen Leuten geht es ja nicht primär um Nachhaltigkeitsverständnis, sondern sie wollen einfach reparieren.« Ob aus Geldmangel, aus Lust, ein Gerät zu verstehen, aus Lernfreude oder eben aus politischen Gründen, spielt dabei keine Rolle. Alle sind im Café kaputt gleichermaßen willkommen. Beim Reparieren kommen die HelferInnen mit den ReparateurInnen oft ganz nebenbei ins Gespräch und diskutieren gemeinsam, was zu ändern wäre für ein zukunftsträchtigeres Leben. Macht es zum Beispiel Sinn, auf Papiertüten zu verzichten, oder welche Dinge sind uns tatsächlich wichtig und welche lediglich unnötiger Wohlstandsballast auf Kosten anderer Länder und Generationen…? Dabei passiert Bildung dann ganz von alleine. »Wir versuchen natürlich, die Themen, die uns wichtig sind, hier präsent zu haben durch Informationsmaterial und Vernetzung mit anderen Initiativen. Das ist essentiell, um die Tragweite dieser Themen zu verstehen – und die Vielzahl an möglichen Lösungsansätzen.«


Neben den Reparatursprechstunden bietet das Café kaputt Bildungsworkshops mit Unterlagen zu verschiedenen Themenkomplexen an, informativ, aber auch sehr praxisnah. »In unserer ‚Handywerkstatt’ können die TeilnehmerInnen beispielsweise alte Smartphones auseinandernehmen und dabei lernen, welche Rohstoffe zur Produktion der Geräte benötigt werden und was der globale Produktions- und Entsorgungsprozess bedeutet.« Ähnliche Gedanken liegen auch den Konzepten zur Textilproduktion und -verwertung, sowie zum Themenkomplex »Abfall« zugrunde. Die Länge und Ausführlichkeit der Workshops kann dabei individuell zusammengestellt werden. »Das geht von ein paar Stunden bis hin zu einem oder auch mehreren Projekttagen.« Die TeilnehmerInnen kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die größte Herausforderung und zugleich die vielleicht wichtigste Zielgruppe sind jedoch die SchülerInnen. »Die werden ja erstmal unfreiwillig mit diesen Themen konfrontiert. Durch Spiele oder auch eine Reparaturschatzsuche, die mit globalen Fragen verbunden wird, führen wir sie ganz praktisch und vor allem ohne Missionierungsanspruch an die Themen heran.« Natürlich erreicht man nie alle. »Viele Leute müssen erst ein paar Mal damit in Berührung kommen, bis sie merken, dass es sie selbst betrifft. Aber ich bin überzeugt, dass unsere Arbeit eben ein weiterer Schritt ist, ein wichtiger Beitrag.«

Für die Zukunft hat Lisa Kuhley zahlreiche Ideen, von zusätzlichen Sprechstunden und weiteren HelferInnen, über die Barrierefreiheit der Räume, bis hin zu einem mobilen Reparaturcafé oder auch einem Wissensfestival zum Thema Nachhaltigkeit, Upcycling undPostwachstumsökonomie. »Das richtig aufzubauen braucht aber Zeit und Energie.« Noch dazu, da Lisa selbst erst seit diesem Jahr eine bezahlte halbe Stelle hat. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist unklar. Um die Ideen und Visionen umzusetzen und ihren Bildungsauftrag zu erfüllen, wäre eine zweite halbe Stelle großartig, bisher jedoch finanziell noch in weiter Ferne. »Im Moment mache ich viel ehrenamtlich on top, das zehrt manchmal ganz schön.« Etwas mehr Support von der Stadt und damit mehr Planungssicherheit würden helfen. Dabei geht es nicht in erster Linie um den Verdienst. »Ich komme mit wenig Geld aus – in Leipzig ist das zum Glück auch noch möglich«, so Lisa Kuhley. »Aber die Perspektive, das langfristig allein zu stemmen, ist anstrengend.« Zum Glück gibt es ehrenamtliche Helfer, die immer zur Stelle sind, wenn etwas Wichtiges ansteht. Zum Beispiel, wenn, wie kürzlich, eine Reparateurin ein defektes Ultraschallgerät aus einer westdeutschen Zahnarztpraxis vorbeibringt. »Sie wollte eine Tierarztpraxis eröffnen und das Gerät dafür verwenden.« Darüber, dass sie das tatsächlich hingekriegt haben, staunt Lisa Kuhley selbst. »Es ist schon großartig, was alles repariert werden kann.« Natürlich klappt das nicht immer, aber darum geht es ja auch nicht nur. »Es geht um Visionen, um gemeinsames Gestalten und die Frage: Wie soll es weitergehen mit unserem Planeten?« Dabei sind Gemeinschaft und wechselseitiges Lehren ein Weg. »Gerade helfen bei uns zwei Syrer mit, die stellen uns ihre Reparaturkenntnisse zur Verfügung und verbessern dabei ihre Deutschkenntnisse. Wir alle lernen durch diesen Kontakt unheimlich viel!« Wenn das Café kaputt zu solchen Begegnungen beiträgt, ist das Bildung auf höchstem Niveau.


www.reparieren-in-leipzig.de
Kontakt: cafekaputt@lebenlernenleipzig.de

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Der studierte Betriebswirt, Coach, Dozent, Berater, Geschäftsführer, Buch-Autor und Vater zweier Kinder wurde in den letzten Jahren vor allem durch die von ihm ins Leben gerufene Verbraucherschutzorganisation MURKS? NEIN DANKE! e.V. einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Allein auf Facebook verfolgen europaweit mehr als 24.000 Interessierte den Einsatz der Kampagne für nachhaltige Produktqualität und gegen die geplante Obsoleszenz. Schridde steht in direktem Austausch mit Ministerien, Behörden, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Gewerkschaften und NGOs. Im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen erstellte er 2013 die viel beachtete Studie „Geplante Obsoleszenz – Entstehungsursachen, konkrete Beispiele, Schadensfolgen, Handlungsprogramm” (Co-Autoren: Christian Kreiß und Janis Winzer). In seinem Sachbuch „Murks? Nein danke! – Was wir tun können, damit die Dinge besser werden“, fordert er nicht nur von Politikern und Produzenten Einsatz gegen den geplanten Verschleiß. Er ruft auch die Verbraucher auf, gemeinsam Druck aufzubauen und deutlich zu machen: Wir wollen solche Produkte nicht!
www.murks.center
www.schridde.org
www.murks-nein-danke.de/verein

 

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Der studierte Biophysiker ist seit 2004 Generaldirektor des Deutschen Museums und Lehrprofessor für Wissenschaftskommunikation an der TU München. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind preisgekrönt (Philip-Morris-Forschungspreis, Communicator-Preis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, René-Descartes-Preis der Europäischen Kommission), zudem wurde ihm 2008 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Im Jahr 2013 erschien sein Buch “Die Kultur der Reparatur”, in dem er die „Veranlagung“ zur Reparatur kulturhistorisch herleitet sowie zum Widerstand gegen die Mentalität des Wegwerfens und den von Herstellern und Industrie geplanten Verschleiß aufruft.

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Christian Kreiß ist Professor für Finanzierung an der Hochschule Aalen und Autor diverser Bücher, alle mit dem Themenschwerpunkt „menschengerechtes Wirtschaften“. Der Wirtschaftsexperte, ehemalige Investmentbanker und Unternehmensberater weiß, wovon er spricht. Einst selbst Teil des wachstumsbasierten Wirtschaftssystems ist es ihm heute ein Herzensanliegen, zusammen mit Gleichgesinnten neue Wege für eine, wie er sagt, „wahrhaft freie, gleichberechtigte Marktwirtschaft“ zu beschreiten. Dafür wirbt er neben seiner Unterrichtstätigkeit auf zahlreichen Vorträgen, in Podiumsdiskussionen, Talk-Runden, Streitgesprächen oder Interviews. Kreiß ist zudem Co-Autor der Studie „Geplante Obsoleszenz – Entstehungsursachen, konkrete Beispiele, Schadensfolgen, Handlungsprogramm”.

http://menschengerechtewirtschaft.de

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„Reparaturwissen zu teilen, es zu vermitteln und den Menschen wieder einen Zugang zu scheinbar unnahbar gewordenen elektronischen Geräten zu verschaffen“, ist das erklärte Ziel von Matthias Huisken. Ende 2013 gründete der Stuttgarter zusammen mit seinem Geschäftspartner Matthias Mayer „iFixit Europe“ als Tochterfirma der von zwei amerikanischen Studenten gegründeten Internetplattform „iFixit.com“. Hier bieten sie Reparaturanleitungen, Werkzeuge und Ersatzteile an. Vom Smartphone über den Laptop bis hin zum Auto oder europaspezifische Kaffeemaschinen – auf iFixit finden sich tausende Anleitungen. Das spezielle Zubehör kann gleich mitgekauft werden und wird von Matthias Huisken und seinen Mitstreitern aus ihrem Stuttgarter Hinterhoflager zu KundInnen in ganz Europa versendet.

http://eustore.ifixit.com/


 

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Bereits vor 16 Jahren gründete Sepp Eisenriegler das Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z. in Wien. Sein Reparaturnetzwerk versammelt heute etwa 50 – 60 kleinere Betriebe unter einem Dach, alle mit dem gemeinsamen Ziel, Reparatur wieder en vogue zu machen. Und das außerordentlich erfolgreich. Obgleich Eisenrieglers Unternehmen mit Reparaturen Geld verdient – und verdienen muss – wird hier wöchentlich das Repair Café „Schraube 14“ abgehalten, in friedlicher Co-Existenz zu den professionellen Reparaturen. Das von Eisenriegler als Ausruf verstandene „Schraube!“ ist dabei unbedingt als Aufforderung zu verstehen – hier wird Reparieren nicht nur praktiziert, sondern auch gelehrt, ganz im Sinne seines erklärten Ziels: "Gegen das vorprogrammierte Ablaufdatum von Produkten, die so genannte geplante Obsoleszenz, anzukämpfen und dem Wegwerftrend der Industrie mit seriösem Kundenservice zu begegnen." Mit großem Elan und vollem Einsatz zeigt der Wiener, dass gemeinnützige Aktivität, soziales Engagement und Unternehmertum sich nicht ausschließen müssen.

http://www.rusz.at/

 

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Katharina Dutz
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg mit u.a. diesen Schwerpunkten: Nachhaltigkeit und Technikbewertung, Technik und Ethik in der Schule
Einbindung technischer Inhalte in fächerübergreifende Unterrichtsplanung.

Niko Paech
ist Volkswirt und seit 2010 Gastprofessor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Umweltökonomie, der Ökologischen Ökonomie und der Nachhaltigkeitsforschung.

www.postwachstumsoekonomie.org

 

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Firmeninhaber, Neu-Denker, Idealist – Detlef Vangerow ist in vielen Rollen unterwegs. Aufgewachsen im elterlichen Rundfunk- und Fernsehbetrieb ist er seit rund 40 Jahren in der Elektro-Reparaturbranche zu Hause. Sein Ziel: Neue Geschäftsfelder, Zusammenschlüsse und Fachwerkstätten zu schaffen, die das Reparieren auch in geänderten, globalisierten Märkten ermöglichen. Dazu strebt er nicht weniger an als eine „Reparatur-Revolution“.

Das Interview führte Sarah Schill

Herr Vangerow, was würden Sie sagen: Stehen ehrenamtliche Reparateure aus Reparatur-Initiativen in Konkurrenz zu den Fachkräften, die damit ihr Geld verdienen müssen?

Ich persönlich sehe in den Parallelaktivitäten von Ehrenamt und Gewerbe eher eine Ergänzung. Es geht in den Reparatur-Initiativen ja darum, mit den Besuchern gemeinsam zu reparieren, sie also anzuleiten und ihnen überhaupt wieder Zugang zum Reparieren zu verschaffen. Jede Aktivität, die Menschen dabei unterstützt, in unserer sogenannten Wegwerfgesellschaft keine „Wegwerfer“ mehr zu sein ist für unsere Branche absolut begrüßenswert.

Sie haben die Kampagne „Reparatur-Revolution“ ins Leben gerufen. Worin liegt der revolutionäre Ansatz?

Wir wollen eine Art Bewusstseinswandel erreichen. Dafür treten wir mit unseren Forderungen an. Einer unserer Hauptpunkte ist, dass die Hersteller dazu verpflichtet werden sollen, Ersatzteile zu liefern – und zwar zu einem vernünftigen Preis.

Aber das sollte doch selbstverständlich der Fall sein.

Ist es aber eben nicht! Was vor zwanzig Jahren gang und gäbe war, hat sich heute vollkommen verändert. Die Hersteller liefern kaum noch Ersatzteile und wenn, dann kosten diese häufig fast so viel wie das neue Gerät. Noch dazu sind die Einzelteile – beispielsweise bei einer elektrischen Zahnbürste oder einem Smartphone – oft verklebt, so dass man bei einem kleinen Fehler das ganze Gerät wegwerfen muss. Das Schlimmste daran ist, dass sich alle damit abgefunden haben. Keiner protestiert.

Entsteht da nicht gerade ein Bewusstseinswandel?

Es ist schon eine Art Trend, dass die Leute wieder mehr reparieren lassen. Zugleich wird aber immer mehr billiger Schrott produziert und gekauft. Das ist ein seltsames Paradoxon. Wenn man die Menschen fragen würde: „Willst du ein T-Shirt für 2€ kaufen, das von Kinderhänden in zusammenstürzenden Gebäuden in Bangladesh produziert wurde?“ sagen natürlich die meisten Nein. Trotzdem schießen die Discounter aus dem Boden. Da gibt es eine Lücke zwischen dem moralischen Anspruch und der konkreten Handlung.

Meiner Erfahrung nach gibt es aber auch immer wieder Handwerker, die sagen: Das Reparieren lohnt sich nicht.

Das ist ein absolutes No go. Was weiß der Handwerker denn schon über den Nutzwert eines Gegenstandes für den Kunden, selbst wenn der Materialwert gering sein mag. Nachhaltiges Kaufen muss wieder schön werden – stellen Sie sich vor, jemand sagt voller Stolz: Mein Handy ist zehn Jahre alt und funktioniert einwandfrei. Dahin sollten wir wieder kommen, das wäre revolutionär.

Ihr Netzwerk umfasst etwa 1000 freie Reparaturbetriebe und ihre Forderungen finden politischen Anklang. Das macht Hoffnung.

An sich ja. Es gibt aber auch ärgerliche Entwicklungen. Unser größtes Problem sind beispielsweise ausgerechnet die Verbraucherschützer. Die haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Gewährleistungsfrist zu verlängern.

Ist das nicht sinnvoll?

Eben nicht! Das bedeutet den Tod der Reparatur. Stellen Sie sich vor, eine Waschmaschine hätte sechs Jahre Gewährleistungspflicht. In der Garantiezeit dürfen freie Werkstätten das Gerät noch nicht mal öffnen, sonst verfällt die Garantie. Wenn etwas kaputt geht, liegt es also beim Hersteller, sich darum zu kümmern. Der will die Reparatur natürlich so billig wie irgend möglich durchführen lassen. Dafür heuert er dann Subunternehmer an, die für extrem wenig Geld beschäftigt werden. Der Hersteller würde also bestimmen, wer reparieren darf und was das kosten darf. Ein absolutes Monopol. Die meisten Teile würden nicht repariert sondern einfach ausgetauscht. Die Neuproduktion in einem Billiglohnland ist immer günstiger als die Reparatur in Deutschland. Ich habe zum Beispiel gehört, dass es in China einen Euro kostet, einen Laptop zusammenbauen zu lassen. Wie sollen wir mit unseren Mindestlöhnen damit konkurrieren?

Was gilt es also zu tun?

Ich bin überzeugt, dass der Verbraucher handeln muss. Alle sagen, sie müssen billig einkaufen, weil ihnen das Geld fehlt. Da spielen sie MäcGeiz, und auf der anderen Seite leisten sie sich teure Luxusurlaube. Ein Wandel wird erst stattfinden, wenn Arbeitsplätze und Umweltschutz wichtiger sind als uns durchs Mittelmeer schippern zu lassen oder unseren SUV durch die Innenstadt zu fahren.

Das klassische Totschlag-Argument: Und unsere Wirtschaft?

Klar haben die Leute Angst um die Industrie und ihren Wohlstand. Ich weiß auch nicht, wie ich mir eine solche Gesellschaft vorstellen soll. Aber Tatsache ist: Wir müssen umdenken. Die Müllberge wachsen, der Fachhandel stirbt aus, die Ressourcen fehlen. Um daher auf Ihre Eingangsfrage zurück zu kommen: Jede Bewegung, die zum Umdenken anregt, ist herzlich willkommen im Sinne einer Reparatur-Revolution.

www.reparatur-revolution.de

 

 

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Die Hamburger Autorin, Philosophin und Ökonomin befasst sich seit vielen Jahren mit Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens. Ihre Schwerpunktthemen sind lokale Ökonomie, Handwerk und Wachstumsrücknahme (Degrowth). In ihren Büchern plädiert sie unter anderem für eine andere Art des Arbeitens und für die Nutzung regionaler Potentiale (endogene Regionalentwicklung). Christine Ax war lange Zeit Mitglied im Landesvorstand der Grünen und gründete gemeinsam mit anderen den Hamburger Zukunftsrat. Von 2001 bis 2003 war sie Teil des Aufsichtsrates von Greenpeace Deutschland. Heute arbeitet und schreibt sie unter anderem für das „Büro für zukunftsfähige Entwicklung und Kommunikation” und das „Sustainable Europa Institute Vienna”.


Von Christine Ax

Re-Skilling
„Hier Blitzblume Ingelheim, Heinrich Jung am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Seit bald 20 Jahren ist Heinrich Jung mit Leidenschaft „Waschmaschinen-Doktor“. Zwei Stunden am Tag behandelt er kostenfrei defekte Waschmaschinen am Telefon. Ratsuchende aus ganz Deutschland beschreiben ihm die Probleme, die sie mit ihrem Gerät haben. Vielen konnte und kann aus der Ferne geholfen werden. Wer Maschinen aller Hersteller so gut kennt wie Heinrich Jung, kann meist auf Anhieb die richtige Diagnose stellen. Oft reichen einfache Handgriffe, um das Problem “ferngesteuert“ zu beheben. Trotzdem gelingt diese Übung immer öfter nicht. Nichts wächst in Deutschland schneller nach als linke Hände. „Ei Krischtine, weischt“ sagt Jung im schwäbischen Dialekt „de Leut ham eefach verläärnt ihre Händ zu gebrauche, unn se traue sich nix mehr zu.“Dies ist die Kehrseite unserer so genannten Wissensgesellschaft. Immer mehr Menschen empfinden beim Anblick eines streikenden technischen Geräts nur noch eins: Hilflosigkeit und Wut. Instandhaltung und Instandsetzung sind uns in den letzten Jahrzehnten als normaler Bestandteil des Alltags verloren gegangen. Was nicht funktioniert, wird ersetzt. Die Wegwerfpraxis vermittelt aber letztlich ein Gefühl tiefer Abhängigkeit.

Bitte nicht anfassen!
Ich vermute, als Kind waren wir alle noch sehr neugierig. Kinder be-greifen in den ersten Jahren alles mit allen Sinnen – wenn man sie lässt. Sie sind gnadenlose Materialprüfer. Nehmen alles auseinander und setzen es neu zusammen. Nichts bleibt wie es ist. Aber nur, solange wir sie lassen. Wie oft höre und beobachte ich Erziehungsberechtigte, die ständig auf die kleinen Finger hauen und in Endlosschleifen wiederholen: „Nicht anfassen. Nur ansehen. Du machst alles kaputt.“
Die Schulen erledigen dann den Rest. Wissen ist gefragt. Praktische Fähigkeiten stehen nur noch selten auf dem Stundenplan. Doch echtes Können und wahre Könnerschaft ist immer das Ergebnis praktischer Übung. Wer übt, lernt aus Fehlern. Wer es gelernt hat, aus Fehlern zu lernen, lernt, nicht so schnell aufzugeben und sich aus Abhängigkeiten wieder zu befreien. Learning by doing.
Zu wissen, was man im Ernstfall tatsächlich, und nicht nur vielleicht kann, ist auch sehr nützlich. Die eigenen Grenzen zu kennen, fördert außerdem die Wertschätzung für das Können Anderer, schützt vor Torheiten und unkalkulierbaren Risiken.
Menschen brauchen für ihre Entwicklung eine möglichst vielfältige, beziehungsreiche, anregende und von immer neuen Herausforderungen geprägte Umwelt. Die Neurobiologie zeigt heute auf, dass unsere seelische Entwicklung, der Erwerb und die Erweiterung praktischer Fähigkeiten, unser kognitives Leistungsvermögen und die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und differenziert zu fühlen, sind eng miteinander verknüpft. (Hüther 2011)
Was für die Individuen gilt, gilt auch für Kulturen. Nur was von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, überlebt. Eine Gesellschaft ist immer nur so reich, wie das Können, die Erfahrung und das Wissen, das sie (in echter Zuwendung) an die nächste Generation weitergibt.
Die schnell wachsende Bewegung der Repair-Initiativen in Deutschland ist ein Indikator dafür, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr auf die Konsumentenrolle reduzieren lassen wollen und wie befriedigend es ist, selber etwas zu können - und zwar am liebsten in Gemeinschaft.  

Literatur
Christine Ax (2009): Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise

Gerald Hüther (2011): Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher

www.christineax.de

 

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Die anstiftung will mit innovativen sozialen, kulturellen und ökologisch-ökonomischen Projekten zur Lösung von Gegenwartsfragen beitragen. Sie fördert, vernetzt und erforscht Räume und Netzwerke des Selbermachens und des Wissensaustausches. Dazu gehören Freiräume und Infrastrukturen wie Interkulturelle und Urbane Gärten, Offene Werkstätten, Reparatur-Initiativen, Open Labs ebenso wie Initiativen zur sozialen Belebung von Nachbarschaften oder Interventionen im öffentlichen Raum. In der Stiftungsarbeit geht es uns um ein postmaterielles Verständnis von Wohlstand, das Lebensqualität nicht auf Warenvielfalt reduziert und die natürlichen Grenzen des Planeten Erde respektiert.Methodisch verfolgen wir in unserer operativen Arbeit wie in der Projektförderung einen konsequent ressourcenorientierten Ansatz.

www.anstiftung.de


 

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